Odysseus blieb in der Halle zurück und sann über die Mittel nach, mit denen er mit Athenes Hilfe die Freier töten könnte. Alsbald sagte er zu Telemachos: „Telemachos, wir müssen die Waffen zusammentragen und hinein und hinab schaffen. Erfinde eine Ausrede, wenn die Freier dich fragen, warum du sie fortgenommen hast. Sage, du habest sie dem Rauch aus dem Wege geschafft, da sie nicht mehr seien, was sie waren, als Odysseus fortzog, sondern beschmutzt und von Ruß geschwärzt. Füge noch besonders hinzu, du fürchtest, Zeus könnte sie dazu treiben, bei ihrem Wein in Streit zu geraten, und sie könnten einander Schaden tun, der Mahl und Werbung entehrte, denn der Anblick von Waffen verlockt die Menschen manchmal, sie zu gebrauchen.“
Telemachos billigte, was sein Vater gesagt hatte, und rief die Amme Eurykleia und sagte: „Amme, schließe die Frauen in ihrem Gemach ein, während ich die Waffen, die mein Vater zurückgelassen hat, hinab in die Vorratskammer bringe. Niemand sieht mehr nach ihnen, seit mein Vater fort ist, und während meiner eigenen Kindheit sind sie ganz von Ruß beschmiert worden. Ich will sie dorthin bringen, wo der Rauch sie nicht erreicht.“
„Ich wollte, mein Kind“, antwortete Eurykleia, „du nähmest die Verwaltung des Hauses ganz in deine eigenen Hände und sähest selbst nach allem Besitz. Doch wer soll mit dir gehen und dir zur Vorratskammer leuchten? Die Mägde hätten es getan, aber du wolltest es ihnen nicht erlauben.“
„Der Fremde“, sagte Telemachos, „soll mir ein Licht halten; wer mein Brot isst, muss es verdienen, woher er auch kommen mag.“
Eurykleia tat, wie ihr geheißen war, und verriegelte die Frauen in ihrem Gemach. Dann eilten Odysseus und sein Sohn, die Helme, Schilde und Speere hineinzuschaffen; und Athene ging vor ihnen her mit einer goldenen Lampe in der Hand, die einen sanften und strahlenden Glanz verbreitete, worauf Telemachos sagte: „Vater, meine Augen schauen ein großes Wunder: Die Wände samt den Balken, den Querbalken und den Stützen, auf denen sie ruhen, erglühen alle wie von flammendem Feuer. Gewiss ist hier ein Gott, der vom Himmel herabgekommen ist.“
„Still“, antwortete Odysseus, „schweige und frage nicht, denn dies ist die Art der Götter. Geh du zu Bett und lass mich hier, um mit deiner Mutter und den Mägden zu reden. Deine Mutter wird mich in ihrem Kummer allerlei fragen.“
Darauf ging Telemachos beim Schein der Fackel auf die andere Seite des inneren Hofes, in das Gemach, in dem er immer schlief. Dort lag er in seinem Bett bis zum Morgen, während Odysseus in der Halle zurückblieb und über die Mittel nachsann, mit denen er mit Athenes Hilfe die Freier töten könnte.
Dann kam Penelope aus ihrem Gemach herab, an Aussehen wie Aphrodite oder Artemis, und man setzte ihr einen Sessel, mit Ranken von Silber und Elfenbein eingelegt, nahe beim Feuer an ihren gewohnten Platz. Ikmalios hatte ihn gemacht, und er hatte einen Fußschemel aus einem Stück mit dem Sitz selbst; und er war mit einem dicken Fell bedeckt: darauf setzte sie sich nun, und die Mägde kamen aus dem Frauengemach, um sich ihr anzuschließen. Sie machten sich daran, die Tische wegzuräumen, an denen die bösen Freier gespeist hatten, und trugen das übrig gebliebene Brot samt den Bechern hinweg, aus denen sie getrunken hatten. Sie schütteten die Glut aus den Kohlenbecken und häuften viel Holz darauf, um Licht und Wärme zu geben; Melantho aber begann ein zweites Mal auf Odysseus zu schmähen und sagte: „Fremdling, willst du uns plagen, indem du die ganze Nacht im Hause herumlungerst und den Frauen nachspähst? Fort mit dir, du Elender, hinaus, und iss dein Abendmahl draußen, sonst wirst du mit einem Feuerbrand hinausgetrieben.“
Odysseus blickte sie finster an und antwortete: „Meine gute Frau, warum solltest du so zornig auf mich sein? Ist es, weil ich nicht rein bin und meine Kleider ganz in Lumpen sind und weil ich nach der Art der Landstreicher und Bettler bettelnd umhergehen muss? Auch ich war einst ein reicher Mann und hatte ein schönes Haus zu eigen; damals gab ich manchem Landstreicher, wie ich jetzt einer bin, gleichviel wer er war und was er wollte. Ich hatte Diener ohne Zahl und all das andere, was Menschen haben, die gut leben und für reich gelten, doch es gefiel Zeus, mir alles zu nehmen; darum, Frau, hüte dich, dass nicht auch du jenen Stolz und jene Stellung verlierst, in denen du jetzt über deine Gefährtinnen übermütig bist; nimm dich in Acht, dass du nicht die Gunst deiner Herrin verlierst und dass nicht Odysseus heimkehrt, denn noch besteht die Möglichkeit, dass er es tut. Und wäre er auch tot, wie du meinst, so hat er doch nach Apollons Willen einen Sohn hinterlassen, Telemachos, der alles bemerken wird, was die Mägde im Hause übel treiben, denn er ist nun kein Knabe mehr.“
Penelope hörte, was er sagte, und schalt die Magd: „Du unverschämtes Ding“, sagte sie, „ich sehe, wie abscheulich du dich benimmst, und du wirst es zu büßen haben. Du wusstest sehr wohl, denn ich sagte es dir selbst, dass ich den Fremden sehen und ihn nach meinem Gatten fragen wollte, um dessen willen ich in so unablässiger Trauer bin.“
Dann sagte sie zu Eurynome, ihrer ersten Dienerin: „Bringe einen Sessel mit einem Fell darauf, damit der Fremde darauf sitze, während er seine Geschichte erzählt und hört, was ich zu sagen habe. Ich möchte ihn einiges fragen.“
Eurynome brachte den Sessel sogleich und legte ein Fell darauf, und kaum hatte sich Odysseus gesetzt, begann Penelope und sagte: „Fremdling, zuerst will ich dich fragen, wer und woher du bist. Erzähle mir von deiner Stadt und deinen Eltern.“
„Herrin“, antwortete Odysseus, „wer auf dem ganzen Erdenrund dürfte es wagen, dich zu schelten? Dein Ruhm reicht bis an das Himmelsgewölbe selbst; du bist wie ein untadeliger König, der das Recht aufrechthält als Herrscher über ein großes und tapferes Volk: Die Erde gibt ihren Weizen und ihre Gerste, die Bäume sind voller Frucht, die Mutterschafe bringen Lämmer, und das Meer wimmelt von Fischen um seiner Tugenden willen, und sein Volk tut Gutes unter ihm. Doch da ich hier in deinem Hause sitze, frage mich etwas anderes und suche nicht, mein Geschlecht und meine Familie zu erfahren, sonst weckst du Erinnerungen, die meinen Kummer noch mehren. Ich bin voller Schwere, doch sollte ich nicht in eines anderen Haus sitzen und weinen und klagen; auch ist es nicht gut, so unablässig zu trauern. Sonst wird eine der Dienerinnen oder auch du selbst sich über mich beklagen und sagen, meine Augen schwämmen in Tränen, weil ich vom Wein schwer sei.“
Da antwortete Penelope: „Fremdling, der Himmel raubte mir alle Schönheit an Gesicht und Gestalt, als die Argeier nach Troja segelten und mein lieber Gatte mit ihnen. Kehrte er zurück und sähe nach meinen Angelegenheiten, so wäre ich mehr geachtet und träte der Welt in besserer Erscheinung entgegen. So aber bin ich von Sorge bedrückt und von den Leiden, die der Himmel über mich zu häufen für gut hielt. Die Fürsten von all unseren Inseln – Dulichion, Same und Zakynthos, wie auch aus Ithaka selbst – werben gegen meinen Willen um mich und verschwenden mein Gut. Ich kann darum weder Fremden noch Schutzflehenden noch Leuten, die sich als kundige Handwerker ausgeben, Aufmerksamkeit erweisen, sondern bin die ganze Zeit über Odysseus gebrochenen Herzens. Sie wollen, dass ich sogleich wieder heirate, und ich muss Listen erfinden, um sie zu täuschen. Zuerst gab mir der Himmel in den Sinn, einen großen Webrahmen in meinem Gemach aufzustellen und ein ungeheures Stück feiner Nadelarbeit zu beginnen. Dann sagte ich zu ihnen: ‚Ihr Werber, Odysseus ist in Wahrheit tot; dennoch dringt nicht darauf, dass ich sogleich wieder heirate; wartet – denn ich möchte nicht, dass meine Kunst in der Nadelarbeit unbezeugt zugrunde gehe –, bis ich das Bahrtuch für den Helden Laertes vollendet habe, damit es bereit sei für die Zeit, wenn der Tod ihn holt. Er ist sehr reich, und die Frauen des Ortes werden reden, wenn er ohne Bahrtuch aufgebahrt wird.‘ So sprach ich, und sie stimmten zu; worauf ich den ganzen Tag über an meinem großen Gewebe arbeitete, bei Nacht aber die Fäden beim Schein der Fackel wieder auflöste. Drei Jahre lang täuschte ich sie auf diese Weise, ohne dass sie es merkten; doch als die Zeit verstrich und ich nun im vierten Jahr war, im Schwinden der Monde, und viele Tage vollendet waren, verrieten mich jene nichtsnutzigen Dirnen, meine Mägde, an die Freier, die über mich hereinbrachen und mich ertappten; sie waren sehr zornig auf mich, und so musste ich mein Werk vollenden, ob ich wollte oder nicht. Und nun sehe ich nicht, wie ich noch eine weitere Ausflucht finden könnte, um dieser Heirat zu entgehen. Meine Eltern drängen mich hart, und mein Sohn erzürnt sich über die Verheerung, die die Freier an seinem Gute anrichten, denn er ist nun alt genug, alles zu verstehen, und wohl imstande, für seine eigenen Angelegenheiten zu sorgen, denn der Himmel hat ihn mit einem trefflichen Sinn gesegnet. Dennoch, trotz all dem, sage mir, wer du bist und woher du kommst – denn du musst doch irgendwelche Eltern gehabt haben; du kannst nicht der Sohn einer Eiche oder eines Felsens sein.“
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gattin des Odysseus, da du darauf beharrst, mich nach meiner Familie zu fragen, will ich antworten, was es mich auch kosten mag: Wer so lange in der Verbannung war wie ich und unter so vielen Völkern so viel gelitten hat, der muss erwarten, Schmerz zu empfinden. Doch was deine Frage betrifft, so will ich dir alles sagen, wonach du fragst. Mitten im Meer liegt eine schöne und fruchtbare Insel namens Kreta; sie ist dicht bevölkert, und neunzig Städte sind auf ihr: Das Volk spricht viele verschiedene Sprachen, die sich untereinander mischen, denn es gibt dort Achaier, tapfere Eteokreter, Dorer von dreifachem Stamm und die edlen Pelasger. Dort ist eine große Stadt, Knossos, wo Minos herrschte, der alle neun Jahre mit Zeus selbst Zwiesprache hielt. Minos war der Vater des Deukalion, dessen Sohn ich bin, denn Deukalion hatte zwei Söhne, Idomeneus und mich. Idomeneus segelte nach Troja, und ich, der Jüngere, werde Aithon genannt; mein Bruder aber war zugleich der Ältere und der Tapferere von uns beiden; darum war es auf Kreta, dass ich Odysseus sah und ihm Gastfreundschaft erwies, denn die Winde trieben ihn dorthin, als er nach Troja unterwegs war, verschlugen ihn vom Kap Maleia aus seinem Kurs und ließen ihn in Amnisos bei der Höhle der Eileithyia, wo die Häfen schwer anzulaufen sind und er nur mit Mühe Schutz vor den Winden fand, die damals wüteten. Sobald er dort war, ging er in die Stadt und fragte nach Idomeneus, wobei er sich als dessen alter und wertgeschätzter Freund bezeichnete; doch Idomeneus war schon zehn oder zwölf Tage früher nach Troja abgesegelt, und so nahm ich ihn in mein eigenes Haus und erwies ihm jede Art von Gastfreundschaft, denn ich hatte von allem Fülle. Überdies nährte ich die Männer, die bei ihm waren, mit Gerstenmehl aus dem öffentlichen Vorrat und sammelte für sie Wein und Rinder, damit sie nach Herzenslust opfern konnten. Zwölf Tage blieben sie bei mir, denn es blies ein Sturm von Norden, so stark, dass man kaum auf dem Land stehen konnte. Ich vermute, ein feindseliger Gott hatte ihn gegen sie erregt; am dreizehnten Tage aber legte sich der Wind, und sie fuhren davon.“
Noch viele glaubhafte Geschichten erzählte ihr Odysseus, und Penelope weinte, während sie zuhörte, denn ihr Herz zerfloss. Wie der Schnee auf den Berggipfeln hinschmilzt, wenn die Winde von Südost und Westen ihn angehaucht und getaut haben, bis die Flüsse randvoll von Wasser strömen, so überflossen ihre Wangen von Tränen um den Gatten, der die ganze Zeit an ihrer Seite saß. Odysseus fühlte mit ihr und hatte Mitleid mit ihr, doch hielt er seine Augen hart wie Horn oder Eisen, ohne sie auch nur zucken zu lassen, so listig bezähmte er seine Tränen. Dann, als sie sich durch Weinen Erleichterung verschafft hatte, wandte sie sich wieder an ihn und sagte: „Nun, Fremdling, will ich dich auf die Probe stellen und sehen, ob du wirklich meinen Gatten und seine Männer bewirtet hast, wie du sagst. Sage mir denn, wie er gekleidet war, was für ein Mann er von Ansehen war, und ebenso von seinen Gefährten.“
„Herrin“, antwortete Odysseus, „es ist so lange her, dass ich es kaum sagen kann. Zwanzig Jahre sind gekommen und vergangen, seit er mein Haus verließ und anderswohin zog; doch will ich dir sagen, soweit ich mich erinnern kann. Odysseus trug einen Mantel aus purpurner Wolle, doppelt gefüttert, und er war mit einer goldenen Spange befestigt, die zwei Halter für die Nadel hatte. Auf ihrer Vorderseite war ein Bildwerk, das einen Hund zeigte, der ein gesprenkeltes Hirschkalb zwischen seinen Vorderpfoten hielt und es beobachtete, wie es keuchend am Boden lag. Jeder staunte darüber, wie dies alles in Gold gearbeitet war, der Hund, der das Kalb ansah und erdrosselte, während das Kalb sich krampfhaft mühte zu entkommen. Was das Gewand betrifft, das er auf der Haut trug, so war es so weich, dass es ihm anlag wie die Haut einer Zwiebel, und es glänzte im Sonnenlicht zur Bewunderung aller Frauen, die es erblickten. Und noch eines sage ich dir, und nimm mein Wort zu Herzen: Ich weiß nicht, ob Odysseus diese Kleider trug, als er von Hause fortzog, oder ob einer seiner Gefährten sie ihm auf der Fahrt gegeben hatte; oder vielleicht machte ihm jemand, in dessen Hause er verweilte, ein Geschenk damit, denn er war ein Mann mit vielen Freunden und hatte unter den Achaiern wenige seinesgleichen. Ich selbst gab ihm ein Schwert aus Bronze und einen schönen purpurnen Mantel, doppelt gefüttert, mit einem Gewand, das ihm bis auf die Füße reichte, und geleitete ihn mit allen Ehren auf sein Schiff. Er hatte einen Diener bei sich, ein wenig älter als er selbst, und ich kann dir sagen, wie er aussah: Seine Schultern waren gekrümmt, er war dunkel, und er hatte dichtes, gekräuseltes Haar. Sein Name war Eurybates, und Odysseus behandelte ihn vertrauter als alle anderen, da er ihm am gleichgesinntesten war.“
Penelope wurde noch tiefer bewegt, als sie die unbestreitbaren Beweise hörte, die Odysseus ihr vorlegte; und als sie in Tränen wieder Erleichterung gefunden hatte, sagte sie zu ihm: „Fremdling, ich war schon geneigt, dich zu bemitleiden, doch von nun an sollst du in meinem Hause geehrt und willkommen sein. Ich war es, die Odysseus die Kleider gab, von denen du sprichst. Ich nahm sie aus der Kammer und legte sie selbst zusammen, und ich gab ihm auch die goldene Spange, damit er sie als Schmuck trage. Ach! Nie werde ich ihn wieder daheim willkommen heißen. Ein böses Geschick war es, dass er überhaupt zu jener verhassten Stadt auszog, deren Namen ich nicht einmal zu nennen vermag.“
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gattin des Odysseus, entstelle dich nicht weiter, indem du so bitter über deinen Verlust trauerst, wiewohl ich es dir kaum verdenken kann. Eine Frau, die ihren Gatten geliebt und ihm Kinder geboren hat, würde natürlich um seinen Verlust trauern, selbst wenn er ein schlechterer Mann wäre als Odysseus, der, wie man sagt, einem Gott glich. Doch lass ab von deinen Tränen und höre, was ich dir sagen kann. Ich will dir nichts verbergen und kann in voller Wahrheit sagen, dass ich neuerdings von Odysseus gehört habe, dass er lebt und auf dem Heimweg ist; er ist bei den Thesprotern und bringt viele wertvolle Schätze mit, die er sich von einem und dem anderen von ihnen erbeten hat; sein Schiff aber und seine ganze Mannschaft gingen verloren, als sie die thrinakische Insel verließen, denn Zeus und der Sonnengott waren ihm zornig, weil seine Männer die Rinder des Sonnengottes geschlachtet hatten, und sie ertranken alle bis auf den letzten Mann. Odysseus jedoch hielt sich am Kiel des Schiffes und wurde an das Land der Phaiaken getrieben, die den Unsterblichen nah verwandt sind und die ihn behandelten, als wäre er ein Gott, ihm viele Geschenke gaben und ihn heil und wohlbehalten heimgeleiten wollten. In der Tat wäre Odysseus längst hier, hätte er es nicht für besser gehalten, von Land zu Land zu ziehen und Reichtum zu sammeln; denn es lebt kein Mann, der so verschlagen wäre wie er; keiner kann sich mit ihm vergleichen. Pheidon, der König der Thesproter, erzählte mir dies alles, und er schwor mir – wobei er in seinem Hause Trankopfer spendete –, dass das Schiff am Wasser liege und die Mannschaft gefunden sei, die Odysseus in sein eigenes Land bringen werde. Mich schickte er zuerst fort, denn es fuhr gerade ein thesprotisches Schiff zur weizenreichen Insel Dulichion; doch zeigte er mir all den Schatz, den Odysseus zusammengebracht hatte, und es lag genug davon im Hause des Königs Pheidon, um seine Familie zehn Geschlechter hindurch zu erhalten; der König aber sagte, Odysseus sei nach Dodona gegangen, um aus der hohen Eiche den Willen des Zeus zu erfahren und zu wissen, ob er nach so langer Abwesenheit offen oder heimlich nach Ithaka zurückkehren solle. So darfst du wissen, dass er in Sicherheit ist und in Kürze hier sein wird; er ist nahe und kann nicht mehr lange von Hause fernbleiben; dennoch will ich meine Worte mit einem Eid bekräftigen und Zeus, der der erste und mächtigste aller Götter ist, zum Zeugen rufen, wie auch diesen Herd des Odysseus, zu dem ich nun gekommen bin, dass alles, was ich gesprochen habe, sich gewiss erfüllen wird. Odysseus wird in diesem selben Jahre zurückkehren; mit dem Ende dieses Mondes und dem Beginn des nächsten wird er hier sein.“
„Möge es so sein“, antwortete Penelope; „wenn deine Worte wahr werden, sollst du solche Gaben und solches Wohlwollen von mir empfangen, dass jeder, der dich sieht, dich beglückwünschen wird; doch ich weiß sehr wohl, wie es kommen wird. Odysseus wird nicht zurückkehren, und auch du wirst kein Geleit von hier erhalten, denn so gewiss Odysseus je gewesen ist, so gibt es nun keine solchen Herren mehr im Hause, wie er es war, um ehrenwerte Fremde aufzunehmen oder sie auf ihrem Heimweg zu fördern. Und nun, ihr Mägde, waschet ihm die Füße und richtet ihm ein Lager auf einem Bett mit Decken und Teppichen, damit er warm und ungestört sei bis zum Morgen. Dann, bei Tagesanbruch, waschet und salbet ihn wieder, damit er in der Halle sitzen und mit Telemachos die Mahlzeit nehmen kann. Es soll dem übel ergehen von diesen hassenswerten Leuten, der ihm unhöflich begegnet; ob es ihm gefällt oder nicht, er soll in diesem Hause nichts mehr zu schaffen haben. Denn wie, Herr, sollst du erkennen können, ob ich anderen meines Geschlechtes an Herzensgüte und Verstand überlegen bin, wenn ich dich schmutzig und schlecht gekleidet in meinen Hallen speisen lasse? Die Menschen leben nur eine kleine Zeit; sind sie hart und handeln hart, so wünschen ihnen die Leute Böses, solange sie leben, und reden verächtlich von ihnen, wenn sie tot sind; wer aber gerecht ist und gerecht handelt, dessen Lob erzählen die Leute in allen Ländern, und viele werden ihn selig nennen.“
Odysseus antwortete: „Herrin, ich habe Decken und Teppiche entsagt von dem Tage an, da ich die schneeigen Höhen Kretas verließ, um zu Schiff zu gehen. Ich werde liegen, wie ich bisher in mancher schlaflosen Nacht gelegen habe. Nacht für Nacht habe ich an irgendeiner rauen Lagerstatt verbracht und auf den Morgen gewartet. Auch mag ich es nicht, mir die Füße waschen zu lassen; ich werde keiner der jungen Dirnen in deinem Hause erlauben, meine Füße zu berühren; wenn du aber eine alte und ehrbare Frau hast, die so viel Not durchgemacht hat wie ich, so will ich ihr erlauben, sie zu waschen.“
Darauf sagte Penelope: „Mein Lieber, von allen Gästen, die je in mein Haus kamen, war nie einer, der in allen Dingen mit so bewundernswürdiger Schicklichkeit sprach wie du. Es ist gerade eine höchst ehrbare alte Frau im Hause – dieselbe, die meinen armen lieben Gatten in der Nacht, da er geboren wurde, in ihren Armen empfing und ihn als Kind nährte. Sie ist nun sehr gebrechlich, doch sie soll dir die Füße waschen.“ „Komm her“, sagte sie, „Eurykleia, und wasche den Altersgenossen deines Herrn; ich denke, Odysseus’ Hände und Füße sind jetzt sehr ähnlich den seinen, denn die Not lässt uns alle furchtbar schnell altern.“
Bei diesen Worten bedeckte die alte Frau ihr Gesicht mit den Händen; sie begann zu weinen und klagte und sagte: „Mein liebes Kind, ich weiß nicht, was ich mit dir tun soll. Ich bin gewiss, dass niemals einer gottesfürchtiger war als du, und doch hasst Zeus dich. Niemand auf der ganzen Welt hat ihm je mehr Schenkelknochen verbrannt noch ihm schönere Hekatomben gegeben, als du betetest, du möchtest selbst zu einem frischen Greisenalter kommen und deinen Sohn heranwachsen sehen, dass er dir nachartete: und nun sieh, wie er dich allein gehindert hat, je in dein eigenes Haus zurückzukehren. Ich zweifle nicht, dass die Frauen in irgendeinem fremden Palast, in den Odysseus geraten ist, ihn verhöhnen, wie all diese Dirnen hier dich verhöhnt haben. Ich verwundere mich nicht, dass du sie nach der Weise, in der sie dich beschimpft haben, nicht waschen lassen willst; ich will dir gern selbst die Füße waschen, da Penelope gesagt hat, dass ich es tun soll; ich will sie waschen um Penelopes wie um deiner selbst willen, denn du hast das lebhafteste Mitgefühl in mir geweckt; und noch dies lass mich sagen, worauf du bitte achten mögest: Wir haben bis jetzt Fremde in Not von aller Art hier gehabt, doch ich wage zu sagen, dass niemals einer kam, der Odysseus an Gestalt, Stimme und Füßen so glich wie du.“
„Die uns beide gesehen haben“, antwortete Odysseus, „haben immer gesagt, wir glichen einander wunderbar, und nun hast auch du es bemerkt.“
Da nahm die Alte den Kessel, in dem sie ihm die Füße waschen wollte, goss reichlich kaltes Wasser hinein und fügte heißes hinzu, bis das Bad warm genug war. Odysseus saß am Feuer, doch schon bald wandte er sich vom Lichte ab, denn ihm kam der Gedanke, die Alte werde, wenn sie sein Bein in den Händen hielte, eine gewisse Narbe erkennen, die es trug, und dann käme die ganze Wahrheit heraus. Und wahrhaftig, kaum hatte sie begonnen, ihren Herrn zu waschen, erkannte sie sogleich die Narbe, die ihm einst ein wilder Keiler geschlagen hatte, als er auf dem Parnass mit seinem trefflichen Großvater Autolykos jagte – der der gewandteste Dieb und Meineidige der ganzen Welt war – und mit den Söhnen des Autolykos. Hermes selbst hatte ihn mit dieser Gabe ausgestattet, denn er pflegte ihm die Schenkelknochen von Ziegen und Zicklein zu verbrennen, und so hatte der Gott Freude an seiner Gemeinschaft. Nun geschah es einst, dass Autolykos nach Ithaka gekommen war und das Kind seiner Tochter neugeboren vorfand. Sobald er das Mahl beendet hatte, setzte Eurykleia ihm den Säugling auf die Knie und sprach: „Autolykos, du musst deinem Enkel einen Namen finden; du hast sehnlich gewünscht, einen zu bekommen.“
„Schwiegersohn und Tochter“, erwiderte Autolykos, „nennt das Kind so: Ich bin mit einer großen Zahl von Menschen hier und dort höchst unzufrieden, mit Männern wie mit Frauen; darum nennt das Kind ‚Odysseus‘, das Kind des Zorns. Wenn er groß geworden ist und die Familie seiner Mutter auf dem Parnass besucht, wo meine Besitzungen liegen, will ich ihm ein Geschenk machen und ihn fröhlich seines Weges senden.“
Odysseus zog daher zum Parnass, um die Geschenke des Autolykos zu holen, und dieser reichte ihm mit seinen Söhnen die Hand und hieß ihn willkommen. Seine Großmutter Amphithea schlang die Arme um ihn und küsste ihm das Haupt und beide schönen Augen, während Autolykos seine Söhne aufforderte, das Mahl zu rüsten, und sie taten, wie er ihnen befahl. Sie führten einen fünfjährigen Stier herein, zogen ihm die Haut ab, machten ihn zurecht und teilten ihn in die Glieder; diese zerlegten sie dann sorgfältig in kleinere Stücke und steckten sie an die Spieße; sie brieten sie hinreichend und trugen die Portionen umher. So schmausten sie den ganzen Tag lang bis zum Untergang der Sonne, und jeder hatte seinen vollen Anteil, sodass alle gesättigt waren; als aber die Sonne sank und es dunkel wurde, gingen sie zur Ruhe und genossen die Gabe des Schlafes.
Als das Kind des Morgens, die rosenfingrige Eos, erschien, zogen die Söhne des Autolykos mit ihren Hunden zur Jagd aus, und Odysseus ging mit. Sie erstiegen die waldigen Hänge des Parnass und erreichten bald seine luftigen Hochtäler; als aber die Sonne, frisch aufgestiegen aus den langsamen, stillen Fluten des Okeanos, auf die Felder zu brennen begann, kamen sie in eine Bergschlucht. Die Hunde liefen voran und suchten die Spur des Tieres, dem sie nachjagten, und hinter ihnen kamen die Söhne des Autolykos, unter ihnen Odysseus, dicht hinter den Hunden, und er hielt einen langen Speer in der Hand. Hier lag das Lager eines gewaltigen Keilers in dichtem Gebüsch, so dicht, dass weder Wind noch Regen hindurchdrangen und auch die Strahlen der Sonne es nicht durchbohrten, und der Boden darunter lag hoch bedeckt mit gefallenem Laub. Der Keiler hörte den Lärm der Männerschritte und das Bellen der Hunde von allen Seiten, als die Jäger auf ihn zukamen, und so stürzte er aus seinem Lager, sträubte die Borsten am Halse und stellte sich, das Feuer sprühte ihm aus den Augen. Odysseus war der erste, der den Speer hob und ihn dem Untier hineinzutreiben suchte, doch der Keiler war schneller als er und fuhr ihn von der Seite an und riss ihm oberhalb des Knies eine Wunde, die tief aufklaffte, wenn sie auch den Knochen nicht erreichte. Den Keiler aber traf Odysseus an der rechten Schulter, und die Spitze des Speeres ging mitten durch ihn hindurch, sodass er stöhnend in den Staub sank, bis das Leben aus ihm wich. Die Söhne des Autolykos machten sich am Leib des Keilers zu schaffen und verbanden dem Odysseus die Wunde; dann, nachdem sie einen Spruch gesprochen hatten, um das Blut zu stillen, gingen sie so schnell sie konnten nach Hause. Als aber Autolykos und seine Söhne den Odysseus völlig geheilt hatten, machten sie ihm herrliche Geschenke und sandten ihn in gegenseitigem Wohlwollen nach Ithaka zurück. Als er heimkam, freuten sich Vater und Mutter, ihn zu sehen, und fragten ihn nach allem und wie er sich die Verletzung geholt habe, die ihm die Narbe hinterließ; und so erzählte er ihnen, wie ihn der Keiler aufgerissen hatte, als er mit Autolykos und dessen Söhnen auf dem Parnass zur Jagd war.
Sobald Eurykleia das vernarbte Glied in ihren Händen hielt und es recht gefasst hatte, erkannte sie es und ließ den Fuß sogleich fallen. Das Bein fiel in die Wanne, die dröhnend erklang und umstürzte, sodass alles Wasser auf den Boden strömte; Eurykleias Augen füllten sich zwischen Freude und Schmerz mit Tränen, und sie konnte nicht sprechen, doch sie fasste Odysseus beim Barte und sagte: „Mein liebes Kind, ich bin gewiss, du musst Odysseus selbst sein, nur habe ich dich nicht erkannt, bis ich dich wirklich berührt und in Händen gehalten habe.“
Während sie sprach, blickte sie zu Penelope hin, als wollte sie ihr sagen, dass ihr lieber Gemahl im Hause sei, doch Penelope konnte nicht in jene Richtung sehen und bemerken, was vorging, denn Athene hatte ihre Aufmerksamkeit abgelenkt; da fasste Odysseus die Eurykleia mit der Rechten an der Kehle und zog sie mit der Linken dicht an sich und sprach: „Amme, willst du mein Verderben sein, du, die mich an deiner eigenen Brust genährt hat, nun, da ich nach zwanzig Jahren der Irrfahrt endlich in mein eigenes Haus zurückgekehrt bin? Da es dir vom Himmel eingegeben ward, mich zu erkennen, so halte deine Zunge im Zaum und sage keinem anderen im Hause ein Wort davon; denn tust du es, so sage ich dir – und so wird es gewiss geschehen –, dass ich dich, wenn der Himmel mir gewährt, diesen Freiern das Leben zu nehmen, nicht verschonen werde, wenn ich die anderen Frauen töte, wiewohl du meine eigene Amme bist.“
„Mein Kind“, antwortete Eurykleia, „was redest du da? Du weißt sehr wohl, dass mich nichts beugen und nichts brechen kann. Ich will meine Zunge hüten wie ein Stein oder ein Stück Eisen; und lass mich überdies sagen, und nimm mein Wort zu Herzen: Wenn der Himmel die Freier in deine Hand gegeben hat, will ich dir die Frauen im Hause nennen, die sich schlecht betragen haben, und jene, die schuldlos sind.“
Und Odysseus antwortete: „Amme, du solltest nicht so reden; ich vermag mir über jede einzelne von ihnen selbst ein Urteil zu bilden; hüte deine Zunge und lass alles dem Himmel anheimgestellt sein.“
Als er dies gesagt hatte, verließ Eurykleia die Halle, um mehr Wasser zu holen, denn das erste war ganz verschüttet; und als sie ihn gewaschen und mit Öl gesalbt hatte, zog Odysseus seinen Sitz näher an das Feuer, um sich zu wärmen, und verbarg die Narbe unter seinen Lumpen. Dann begann Penelope mit ihm zu sprechen und sagte:
„Fremder, ich möchte noch kurz über eine andere Sache mit dir sprechen. Es ist freilich fast Zeit zur Ruhe – wenigstens für die, die trotz des Kummers schlafen können. Mir aber hat der Himmel ein Leben von so unermesslichem Leid gegeben, dass ich selbst am Tage, wenn ich meinen Pflichten nachgehe und nach den Dienerinnen sehe, die ganze Zeit über weine und klage; und wenn dann die Nacht kommt und wir alle zu Bett gehen, liege ich wach und sinne, und mein Herz wird die Beute der unablässigsten und grausamsten Qualen. Wie die dunkle Nachtigall, die Tochter des Pandareos, im frühen Frühling von ihrem Sitz im schattigsten Dickicht verborgen singt und mit vielem klagenden Trillern die Geschichte ausgießt, wie sie durch Unglück ihr eigenes Kind Itylos tötete, den Sohn des Königs Zethos, so wirft und wendet sich mein Sinn in seiner Ungewissheit, ob ich hier bei meinem Sohne bleiben und mein Gut, meine Knechte und die Größe meines Hauses hüten soll, aus Rücksicht auf das Urteil der Leute und auf das Gedenken meines dahingegangenen Gemahls, oder ob es nicht nun Zeit für mich ist, mit dem Besten dieser Freier zu gehen, die um mich werben und mir so prächtige Geschenke machen. Solange mein Sohn noch jung und ohne Verstand dafür war, wollte er nichts davon hören, dass ich das Haus meines Gemahls verließe; nun aber, da er erwachsen ist, bittet und beschwört er mich, es zu tun, denn er ist erbittert darüber, wie die Freier sein Gut verzehren. So höre denn einen Traum, den ich hatte, und deute ihn mir, wenn du es vermagst. Ich habe zwanzig Gänse im Hause, die aus einem Troge ihr Futter fressen und an denen ich außerordentlich hänge. Mir träumte, ein großer Adler kam von einem Berge herabgestoßen und schlug einer nach der anderen den gekrümmten Schnabel in den Hals, bis er sie alle getötet hatte. Dann schwang er sich in den Himmel auf und ließ sie tot im Hofe liegen; darüber weinte ich in meinem Traum, bis alle meine Mägde sich um mich scharten, so jämmerlich klagte ich, weil der Adler meine Gänse getötet hatte. Da kam er wieder zurück, setzte sich auf einen vorstehenden Balken, sprach zu mir mit menschlicher Stimme und hieß mich zu weinen aufhören. ‚Sei guten Mutes‘, sagte er, ‚Tochter des Ikarios; dies ist kein Traum, sondern eine Erscheinung guter Vorbedeutung, die gewiss in Erfüllung gehen wird. Die Gänse sind die Freier, und ich bin nicht mehr ein Adler, sondern dein eigener Gemahl, der zu dir zurückgekommen ist und der diese Freier zu einem schmachvollen Ende bringen wird.‘ Darauf erwachte ich, und als ich hinausblickte, sah ich meine Gänse am Troge, wie sie ihr Futter fraßen, so wie immer.“
„Dieser Traum, Herrin“, erwiderte Odysseus, „lässt nur eine Deutung zu; denn hat nicht Odysseus selbst dir gesagt, wie er sich erfüllen wird? Der Tod der Freier ist verkündet, und nicht ein einziger von ihnen wird entgehen.“
Und Penelope antwortete: „Fremder, Träume sind höchst seltsame und unerklärliche Dinge, und sie treffen keineswegs immer ein. Es sind zwei Pforten, durch die diese wesenlosen Gebilde hervorgehen; die eine ist von Horn, die andere von Elfenbein. Die durch die Pforte von Elfenbein kommen, sind nichtig; die aber aus der Pforte von Horn bedeuten etwas für die, die sie schauen. Ich glaube indes nicht, dass mein eigener Traum durch die Pforte von Horn gekommen ist, obwohl ich und mein Sohn höchst dankbar wären, wenn es sich so erwiese. Überdies sage ich – und nimm mein Wort zu Herzen –, die kommende Morgenröte wird den unheilvollen Tag heraufführen, der mich vom Hause des Odysseus scheiden soll, denn ich bin daran, einen Wettkampf mit den Äxten auszurichten. Mein Gemahl pflegte zwölf Äxte im Hofe aufzustellen, eine vor der anderen, wie die Stützen, auf denen ein Schiff gebaut wird; dann trat er von ihnen zurück und schoss einen Pfeil durch alle zwölf hindurch. Dasselbe will ich die Freier versuchen lassen, und wer von ihnen den Bogen am leichtesten spannen und seinen Pfeil durch alle zwölf Äxte senden kann, dem will ich folgen und dieses Haus meines rechtmäßigen Gemahls verlassen, das so schön ist und so reich an Gütern. Doch auch dann, ich zweifle nicht, werde ich mich seiner in meinen Träumen erinnern.“
Da antwortete Odysseus: „Herrin, Gemahlin des Odysseus, du brauchst deinen Wettkampf nicht aufzuschieben, denn Odysseus wird zurückkehren, ehe sie den Bogen spannen können, wie sie ihn auch handhaben mögen, und ihre Pfeile durch das Eisen senden.“
Darauf sagte Penelope: „Solange du hier sitzen und mit mir reden willst, Herr, kann mich kein Verlangen nach dem Lager ankommen. Doch können die Menschen nicht auf immer ohne Schlaf sein, und der Himmel hat uns Bewohnern der Erde für alles seine Zeit bestimmt. So will ich denn hinaufgehen und mich auf jenes Lager legen, das ich seit dem Tage, an dem Odysseus zu der Stadt mit dem verhassten Namen auszog, unaufhörlich mit meinen Tränen überströmt habe.“
Dann ging sie hinauf in ihr Gemach, nicht allein, sondern begleitet von ihren Mägden, und dort beklagte sie ihren lieben Gemahl, bis Athene ihr süßen Schlaf über die Lider goss.