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Der Angriff mit Feuer

Die Kunst des Krieges · Sun Tzu · übersetzt von Claude Opus

[Etwas mehr als die Hälfte des Kapitels (§§ 1–13) ist dem Thema Feuer gewidmet, worauf der Verfasser zu anderen Gegenständen übergeht.]

1. Sun Tzu sprach: Es gibt fünf Arten, mit Feuer anzugreifen. Die erste ist, Soldaten in ihrem Lager zu verbrennen;

[So Tu Mu. Li Ch’uan sagt: „Lege Feuer an das Lager und töte die Soldaten“ (wenn sie den Flammen zu entkommen suchen). Pan Ch’ao, in diplomatischer Mission zum König von Shan-shan gesandt [siehe XI. § 51, Anm.], sah sich durch die unerwartete Ankunft eines Gesandten der Hsiung-nu [der Todfeinde der Chinesen] in äußerste Gefahr versetzt. In der Beratung mit seinen Offizieren rief er aus: „Wer nichts wagt, der nichts gewinnt! [1] Der einzige Weg, der uns jetzt offensteht, ist ein Feuerangriff auf die Barbaren im Schutz der Nacht, wenn sie unsere Zahl nicht erkennen können. Ihre Panik ausnutzend, werden wir sie völlig vernichten; das wird den Mut des Königs abkühlen und uns mit Ruhm bedecken, abgesehen davon, dass es den Erfolg unserer Mission sichert.‘ Die Offiziere erwiderten alle, man müsse die Sache zuerst mit dem Intendanten besprechen. Da geriet Pan Ch’ao in Zorn: ‚Heute‘, rief er, ‚muss sich unser Schicksal entscheiden! Der Intendant ist nur ein biederer Zivilbeamter, der, wenn er von unserem Vorhaben hört, gewiss Angst bekommen wird, und alles wird ans Licht kommen. Ein ruhmloser Tod ist kein würdiges Los für tapfere Krieger.‘ Da willigten alle ein, nach seinem Wunsch zu handeln. Sobald die Nacht hereinbrach, begaben er und seine kleine Schar sich daher eilends zum Lager der Barbaren. Es wehte zu der Zeit ein starker Sturm. Pan Ch’ao befahl zehn Männern der Schar, Trommeln zu nehmen und sich hinter den Unterkünften des Feindes zu verbergen, wobei abgesprochen war, dass sie, sobald sie Flammen aufschießen sähen, aus Leibeskräften zu trommeln und zu schreien beginnen sollten. Die übrigen seiner Männer, mit Bogen und Armbrüsten bewaffnet, legte er am Tor des Lagers in den Hinterhalt. Dann steckte er den Ort von der Windseite her in Brand, worauf sich vor und hinter den Hsiung-nu ein ohrenbetäubender Lärm von Trommeln und Geschrei erhob, sodass sie Hals über Kopf in rasender Unordnung herausstürzten. Pan Ch’ao erschlug drei von ihnen mit eigener Hand, während seine Gefährten dem Gesandten und dreißig Mann seines Gefolges die Köpfe abschlugen. Der Rest, insgesamt mehr als hundert, kam in den Flammen um. Am folgenden Tag erriet Pan Ch’ao seine Gedanken und sagte mit erhobener Hand: ‚Obgleich Ihr letzte Nacht nicht mit uns gegangen seid, Herr, würde ich nicht daran denken, den Ruhm für unsere Tat allein zu beanspruchen.‘ Dies stellte Kuo Hsun zufrieden, und Pan Ch’ao ließ Kuang, den König von Shan-shan, holen und zeigte ihm den Kopf des barbarischen Gesandten. Das ganze Königreich wurde von Furcht und Zittern ergriffen, was Pan Ch’ao durch eine öffentliche Bekanntmachung zu beschwichtigen suchte. Dann nahm er die Söhne des Königs als Geiseln und kehrte zurück, um Tou Ku Bericht zu erstatten.“ Hou Han Shu, Kap. 47, Bl. 1, 2.] ]

die zweite, Vorräte zu verbrennen;

[Tu Mu sagt: „Proviant, Brennholz und Futter.“ Um die aufständische Bevölkerung von Kiangnan zu unterwerfen, empfahl Kao Keng dem Wen Ti aus der Sui-Dynastie, regelmäßige Raubzüge zu unternehmen und ihre Getreidevorräte zu verbrennen, eine Politik, die sich auf die Dauer als vollkommen erfolgreich erwies.]

die dritte, Trosszüge zu verbrennen;

[Als Beispiel wird die Vernichtung der Wagen und des Gepäcks des Yuan Shao durch Ts’ao Ts’ao im Jahre 200 n. Chr. angeführt.]

die vierte, Zeughäuser und Magazine zu verbrennen;

[Tu Mu sagt, die in „Zeughäusern“ und „Magazinen“ enthaltenen Dinge seien dieselben. Er nennt im Einzelnen Waffen und andere Gerätschaften, Edelmetall in Barren und Kleidung. Vgl. VII. § 11.]

die fünfte, fallendes Feuer unter die Feinde zu schleudern.

[Tu Yu sagt im T’ung Tien: „Feuer in das Lager des Feindes fallen zu lassen. Die Methode, nach der dies geschehen kann, besteht darin, die Spitzen von Pfeilen in Brand zu setzen, indem man sie in ein Kohlenbecken taucht, und sie dann aus starken Armbrüsten in die Reihen des Feindes zu schießen.“]

2. Um einen Angriff durchzuführen, müssen wir Mittel zur Verfügung haben.

[T’sao Kung meint, es seien „Verräter im Lager des Feindes“ gemeint. Doch Ch’en Hao dürfte eher recht haben, wenn er sagt: „Wir müssen allgemein günstige Umstände haben, nicht bloß Verräter, die uns helfen.“ Chia Lin sagt: „Wir müssen uns Wind und trockenes Wetter zunutze machen.“]

das Material zum Entfachen des Feuers sollte stets bereitgehalten werden.

[Tu Mu schlägt als Material zum Feuermachen vor: „trockene Pflanzenstoffe, Schilf, Reisig, Stroh, Fett, Öl usw.“ Hier haben wir die stoffliche Ursache. Chang Yu sagt: „Gefäße zum Aufbewahren von Feuer, Stoff zum Anzünden von Feuern.“]

3. Es gibt eine rechte Jahreszeit für Angriffe mit Feuer und besondere Tage, um einen Brand zu entfachen.

4. Die rechte Jahreszeit ist, wenn das Wetter sehr trocken ist; die besonderen Tage sind jene, an denen der Mond in den Sternbildern des Siebes, der Mauer, des Flügels oder des Querbalkens steht;

[Dies sind der Reihe nach das 7., 14., 27. und 28. der achtundzwanzig Mondhäuser, die ungefähr dem Schützen, dem Pegasus, dem Becher und dem Raben entsprechen.]

denn diese vier sind allesamt Tage aufkommenden Windes.

5. Beim Angriff mit Feuer sollte man auf fünf mögliche Entwicklungen gefasst sein:

6. (1) Bricht im Lager des Feindes Feuer aus, so antworte sogleich mit einem Angriff von außen.

7. (2) Bricht ein Feuer aus, die Soldaten des Feindes aber bleiben ruhig, so warte ab und greife nicht an.

[Der Hauptzweck des Angriffs mit Feuer ist, den Feind in Verwirrung zu stürzen. Tritt diese Wirkung nicht ein, so bedeutet das, dass der Feind bereit ist, uns zu empfangen. Daher die Notwendigkeit der Vorsicht.]

8. (3) Hat die Gewalt der Flammen ihren Höhepunkt erreicht, so lass einen Angriff folgen, wenn das durchführbar ist; wenn nicht, bleibe, wo du bist.

[Ts’ao Kung sagt: „Siehst du einen gangbaren Weg, so rücke vor; findest du aber die Schwierigkeiten zu groß, so ziehe dich zurück.“]

9. (4) Ist es möglich, von außen einen Angriff mit Feuer zu führen, so warte nicht, bis es drinnen ausbricht, sondern führe deinen Angriff in einem günstigen Augenblick.

[Tu Mu sagt, die vorhergehenden Absätze bezögen sich auf das Feuer, das (wie wir annehmen dürfen, entweder zufällig oder durch Brandstifter) im Lager des Feindes ausbricht. „Wenn aber“, fährt er fort, „der Feind sich an einem öden Ort niedergelassen hat, der mit Massen von Gras übersät ist, oder wenn er sein Lager an einer Stelle aufgeschlagen hat, die sich ausbrennen lässt, so müssen wir bei jeder geeigneten Gelegenheit unser Feuer gegen ihn tragen und nicht in der Hoffnung auf einen Ausbruch im Inneren abwarten, aus Furcht, unsere Gegner könnten selbst den umliegenden Pflanzenwuchs abbrennen und so unsere eigenen Versuche vereiteln.“ Der berühmte Li Ling vereitelte einst auf diese Weise den Anführer der Hsiung-nu. Dieser versuchte, einen günstigen Wind ausnutzend, das Lager des chinesischen Generals in Brand zu setzen, fand aber, dass jedes Stückchen brennbaren Pflanzenwuchses in der Umgebung bereits abgebrannt war. Andererseits erlitt Po-ts’ai, ein General der aufständischen Gelben Turbane, im Jahre 184 n. Chr. eine schwere Niederlage, weil er diese einfache Vorsichtsmaßregel versäumte. „An der Spitze eines großen Heeres belagerte er Ch’ang-she, das von Huang-fu Sung gehalten wurde. Die Besatzung war sehr klein, und ein allgemeines Gefühl der Beklommenheit durchzog die Reihen; deshalb rief Huang-fu Sung seine Offiziere zusammen und sagte: „Im Krieg gibt es verschiedene mittelbare Angriffsmethoden, und die Zahl ist nicht alles. [Der Kommentator zitiert hier Sun Tzu, V. §§ 5, 6 und 10.] Nun haben die Aufständischen ihr Lager inmitten dichten Grases aufgeschlagen, das leicht brennt, wenn der Wind weht. Wenn wir es bei Nacht in Brand setzen, werden sie in Panik geraten, und wir können einen Ausfall machen und sie von allen Seiten zugleich angreifen und so die Tat des T’ien Tan nachahmen.‘ [Siehe S. 90.] Noch am selben Abend kam eine starke Brise auf; daher wies Huang-fu Sung seine Soldaten an, Schilf zu Fackeln zusammenzubinden und auf den Stadtmauern Wache zu halten, worauf er eine Schar wagemutiger Männer aussandte, die sich heimlich durch die Linien schlichen und unter lautem Geschrei und Gejohle das Feuer entfachten. Zugleich schoss von den Stadtmauern ein greller Lichtschein empor, und Huang-fu Sung ließ die Trommeln schlagen und führte einen raschen Sturmangriff, der die Aufständischen in Verwirrung stürzte und sie in kopflose Flucht trieb.“ [Hou Han Shu, Kap. 71.] ] ] ] ] ] 10. (5) Wenn du ein Feuer legst, so stehe auf der Windseite. Greife nicht von der Leeseite an.

[Chang Yu sagt im Anschluss an Tu Yu: „Wenn du ein Feuer legst, wird der Feind vor ihm zurückweichen; stellst du dich seinem Rückzug entgegen und greifst ihn dann an, so wird er verzweifelt kämpfen, was deinem Erfolg nicht förderlich sein wird.“ Eine etwas naheliegendere Erklärung gibt Tu Mu: „Kommt der Wind von Osten, so beginne östlich des Feindes zu brennen und lass den Angriff selbst von dieser Seite folgen. Legst du das Feuer auf der Ostseite und greifst dann von Westen an, so wirst du auf dieselbe Weise leiden wie dein Feind.“]

11. Ein Wind, der am Tage aufkommt, hält lange an, eine nächtliche Brise aber legt sich bald.

[Vgl. Lao Tzŭs Wort: „Ein heftiger Wind währt nicht die Dauer eines Morgens.“ (Tao Te Ching, Kap. 23.) Mei Yao-ch’en und Wang Hsi sagen: „Eine Tagesbrise erstirbt bei Einbruch der Nacht, eine Nachtbrise bei Tagesanbruch. So verhält es sich in der Regel.“ Die beobachtete Erscheinung mag zutreffend genug sein, doch wie dieser Sinn zu gewinnen ist, ist nicht ersichtlich.]

12. In jedem Heer müssen die fünf mit dem Feuer verbundenen Entwicklungen bekannt sein, die Bewegungen der Sterne berechnet und die rechten Tage abgewartet werden.

[Tu Mu sagt: „Wir müssen die Bahnen der Sterne berechnen und nach den Tagen Ausschau halten, an denen Wind aufkommt, ehe wir unseren Angriff mit Feuer führen.“ Chang Yu scheint den Text anders zu deuten: „Wir müssen nicht nur wissen, wie wir unsere Gegner mit Feuer angreifen, sondern uns auch vor ähnlichen Angriffen von ihrer Seite hüten.“]

13. Daher zeigen jene, die das Feuer als Hilfe beim Angriff gebrauchen, Einsicht; jene, die das Wasser als Hilfe beim Angriff gebrauchen, gewinnen einen Zuwachs an Kraft.

14. Mit Wasser kann man einen Feind abschneiden, ihn aber nicht all seiner Habe berauben.

[Ts’ao Kungs Anmerkung lautet: „Wir können lediglich den Weg des Feindes versperren oder sein Heer teilen, nicht aber all seine angehäuften Vorräte hinwegfegen.“ Das Wasser kann nützliche Dienste leisten, doch fehlt ihm die schreckliche Zerstörungskraft des Feuers. Dies ist der Grund, so schließt Chang Yu, warum jenes mit ein paar Sätzen abgetan wird, während der Angriff mit Feuer ausführlich erörtert wird. Wu Tzŭ (Kap. 4) spricht so von den beiden Elementen: „Lagert ein Heer auf tief gelegenem, sumpfigem Boden, von dem das Wasser nicht abfließen kann und wo reichlich Regen fällt, so kann es von einer Flut überschwemmt werden. Lagert ein Heer in wildem Sumpfland, das dicht mit Unkraut und Dornengestrüpp überwuchert ist und von häufigen Stürmen heimgesucht wird, so kann es durch Feuer vernichtet werden.“]

15. Unglücklich ist das Los dessen, der seine Schlachten zu gewinnen und in seinen Angriffen Erfolg zu haben sucht, ohne den Unternehmungsgeist zu pflegen; denn das Ergebnis ist Zeitvergeudung und allgemeiner Stillstand.

[Dies ist eine der rätselhaftesten Stellen bei Sun Tzu. Ts’ao Kung sagt: „Belohnungen für gute Dienste sollten nicht einen einzigen Tag aufgeschoben werden.“ Und Tu Mu: „Ergreifst du nicht die Gelegenheit, die Verdienten zu befördern und zu belohnen, so werden deine Untergebenen deine Befehle nicht ausführen, und Unheil wird folgen.“ Aus mehreren Gründen jedoch, und trotz der eindrucksvollen Reihe von Gelehrten auf der anderen Seite, ziehe ich die Deutung vor, die allein Mei Yao-ch’en vorschlägt, dessen Worte ich anführen will: „Wer in seinen Schlachten und Sturmangriffen des Erfolges sicher sein will, muss die günstigen Augenblicke ergreifen, wenn sie kommen, und gegebenenfalls vor heroischen Maßnahmen nicht zurückschrecken; das heißt, er muss zu solchen Angriffsmitteln wie Feuer, Wasser und dergleichen greifen. Was er nicht tun darf und was sich als verhängnisvoll erweisen wird, ist stillzusitzen und einfach an den Vorteilen festzuhalten, die er errungen hat.“]

16. Daher das Wort: Der erleuchtete Herrscher fasst seine Pläne lange im Voraus; der gute General pflegt seine Hilfsmittel.

[Tu Mu führt aus dem San Lueh, Kap. 2, Folgendes an: „Der kriegerische Fürst lenkt seine Soldaten durch seine Autorität, schweißt sie durch Treu und Glauben zusammen und macht sie durch Belohnungen dienstbar. Verfällt die Treue, so kommt es zur Zerrüttung; mangelt es an Belohnungen, so werden Befehle nicht geachtet.“]

17. Rühre dich nicht, es sei denn, du siehst einen Vorteil; setze deine Truppen nicht ein, es sei denn, es ist etwas zu gewinnen; kämpfe nicht, es sei denn, die Lage ist bedrohlich.

[Sun Tzu mag bisweilen übervorsichtig erscheinen, doch geht er in dieser Richtung nie so weit wie die bemerkenswerte Stelle im Tao Te Ching, Kap. 69. „Ich wage nicht, den ersten Schritt zu tun, sondern ziehe es vor, mich zu verteidigen; ich wage nicht, einen Zoll vorzurücken, sondern ziehe es vor, einen Fuß zurückzuweichen.“]

18. Kein Herrscher sollte Truppen ins Feld schicken, bloß um seiner eigenen Galle Luft zu machen; kein General sollte eine Schlacht nur aus Gekränktheit schlagen.

19. Ist es zu deinem Vorteil, so rücke vor; wenn nicht, so bleibe, wo du bist.

[Dies ist aus XI. § 17 wiederholt. Hier bin ich überzeugt, dass es sich um eine Einschiebung handelt, denn es ist offenkundig, dass § 20 unmittelbar auf § 18 folgen sollte.]

20. Zorn kann sich mit der Zeit in Freude verwandeln; auf Verdruss kann Zufriedenheit folgen.

21. Ein Königreich aber, das einmal zerstört ist, kann niemals wieder ins Dasein treten;

[Der Staat Wu sollte ein trauriges Beispiel für dieses Wort werden.]

noch können die Toten je wieder zum Leben erweckt werden.

22. Daher ist der erleuchtete Herrscher achtsam und der gute General voller Vorsicht. Dies ist der Weg, ein Land in Frieden und ein Heer unversehrt zu erhalten.

[1] „Wer nicht in die Höhle des Tigers geht, kann die Jungen des Tigers nicht fangen.“