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Die neun Lagen

Die Kunst des Krieges · Sun Tzu · übersetzt von Claude Opus

1. Sun Tzu sprach: Die Kriegskunst unterscheidet neun Arten von Gelände: (1) zerstreuendes Gelände; (2) leichtes Gelände; (3) umstrittenes Gelände; (4) offenes Gelände; (5) Gelände der sich kreuzenden Heerstraßen; (6) ernstes Gelände; (7) schwieriges Gelände; (8) eingeschlossenes Gelände; (9) verzweifeltes Gelände.

2. Kämpft ein Anführer in seinem eigenen Gebiet, so ist es zerstreuendes Gelände.

[So genannt, weil die Soldaten, nahe ihrer Heimat und begierig, ihre Frauen und Kinder zu sehen, wahrscheinlich die Gelegenheit ergreifen, die eine Schlacht bietet, und sich in alle Richtungen zerstreuen. „Beim Vorrücken“, bemerkt Tu Mu, „wird ihnen der Mut der Verzweiflung fehlen, und wenn sie sich zurückziehen, werden sie Zufluchtsorte finden.“]

3. Ist er in feindliches Gebiet eingedrungen, doch nicht weit, so ist es leichtes Gelände.

[Li Ch’uan und Ho Shih sagen: „wegen der Leichtigkeit des Rückzugs“, und die anderen Kommentatoren geben ähnliche Erklärungen. Tu Mu bemerkt: „Hat dein Heer die Grenze überschritten, so sollst du deine Boote und Brücken verbrennen, um jedermann klarzumachen, dass du kein Verlangen nach der Heimat hegst.“]

4. Gelände, dessen Besitz jeder Seite großen Vorteil bringt, ist umstrittenes Gelände.

[Tu Mu bestimmt dieses Gelände als ein Gelände, „um das gestritten wird“. Ts’ao Kung sagt: „Gelände, auf dem die Wenigen und Schwachen die Vielen und Starken besiegen können“, etwa „der Hals eines Passes“, wie Li Ch’uan als Beispiel anführt. So gehörten die Thermopylen in diese Klasse, weil ihr Besitz, und sei es nur für wenige Tage, bedeutete, das gesamte Invasionsheer aufzuhalten und so unschätzbare Zeit zu gewinnen. Vgl. Wu Tzŭ, Kap. V, ad init.: „Für die, welche im Verhältnis von eins zu zehn kämpfen müssen, gibt es nichts Besseres als einen engen Pass.“ Als Lu Kuang im Jahre 385 n. Chr. von seinem siegreichen Feldzug nach Turkestan zurückkehrte und, mit Beute beladen, bis I-ho gelangt war, nutzte Liang Hsi, der Verwalter von Liang-chou, den Tod Fu Chiens, des Königs von Ch’in, um sich gegen ihn zu verschwören, und wollte ihm den Weg in die Provinz versperren. Yang Han, Statthalter von Kao-ch’ang, riet ihm und sprach: „Lu Kuang kommt frisch von seinen Siegen im Westen, und seine Soldaten sind kraftvoll und voller Kampfeslust. Treten wir ihm im Flugsand der Wüste entgegen, so werden wir ihm nicht gewachsen sein; wir müssen daher einen anderen Plan versuchen. Lasst uns eilends den Engpass an der Mündung des Kao-wu-Passes besetzen und ihn so von der Wasserversorgung abschneiden; sind seine Truppen dann vom Durst entkräftet, so können wir ihm unsere Bedingungen diktieren, ohne uns von der Stelle zu rühren. Oder, wenn du meinst, der Pass, den ich nenne, liege zu weit entfernt, so könnten wir ihm am I-wu-Pass, der näher ist, Widerstand leisten. Die List und Findigkeit eines Tzŭ-fang selbst würden gegen die gewaltige Stärke dieser beiden Stellungen vergeblich aufgewandt.“ Liang Hsi weigerte sich, diesem Rat zu folgen, und wurde von dem Eindringling überwältigt und hinweggefegt.]

5. Gelände, auf dem jede Seite Bewegungsfreiheit hat, ist offenes Gelände.

[Für das chinesische Adjektiv, das diese Art von Gelände bezeichnet, gibt es verschiedene Deutungen. Ts’ao Kung sagt, es bedeute „Gelände, das von einem Netz von Straßen überzogen ist“, wie ein Schachbrett. Ho Shih schlug vor: „Gelände, auf dem der Verkehr untereinander leicht ist.“]

6. Gelände, das den Schlüssel zu drei aneinandergrenzenden Staaten bildet,

[Ts’au Kung bestimmt dies als: „Unser Land, das an das des Feindes grenzt, und ein drittes Land, das an beide stößt.“ Meng Shih führt als Beispiel das kleine Fürstentum Cheng an, das im Nordosten an Ch’i, im Westen an Chin und im Süden an Ch’u grenzte.]

so dass, wer es zuerst besetzt, den größten Teil des Reiches beherrscht,

[Der Kriegführende, der diese beherrschende Stellung innehat, kann die meisten von ihnen nötigen, seine Verbündeten zu werden.]

ist Gelände der sich kreuzenden Heerstraßen.

7. Ist ein Heer in das Herz eines feindlichen Landes eingedrungen und hat eine Anzahl befestigter Städte in seinem Rücken gelassen, so ist es ernstes Gelände.

[Wang Hsi erklärt den Namen mit den Worten: „Hat ein Heer einen solchen Punkt erreicht, so ist seine Lage ernst.“]

8. Bergwälder,

[Oder einfach „Wälder“.]

schroffe Steilhänge, Sümpfe und Moore – jedes Land, das schwer zu durchqueren ist: Dies ist schwieriges Gelände.

9. Gelände, das man durch enge Schluchten erreicht und aus dem man sich nur auf gewundenen Pfaden zurückziehen kann, so dass eine kleine Zahl von Feinden genügte, eine große Schar unserer Leute zu zermalmen: Dies ist eingeschlossenes Gelände.

10. Gelände, auf dem wir nur dadurch vor dem Untergang bewahrt werden können, dass wir ohne Verzug kämpfen, ist verzweifeltes Gelände.

[Die Lage, wie Ts’ao Kung sie schildert, ähnelt sehr dem „eingeschlossenen Gelände“, nur dass hier kein Entrinnen mehr möglich ist: „Ein hoher Berg vorn, ein großer Fluss hinten, Vormarsch unmöglich, Rückzug versperrt.“ Ch’en Hao sagt: „Auf ‚verzweifeltem Gelände‘ zu stehen ist, als säße man in einem lecken Boot oder kauerte in einem brennenden Haus.“ Tu Mu zitiert aus Li Ching eine lebendige Schilderung der Notlage eines so in die Falle geratenen Heeres: „Angenommen, ein Heer dringt ohne die Hilfe ortskundiger Führer in feindliches Gebiet ein: – es gerät in eine tödliche Schlinge und ist dem Feind ausgeliefert. Eine Schlucht zur Linken, ein Berg zur Rechten, ein Pfad so gefährlich, dass die Pferde aneinandergeseilt und die Streitwagen in Schlingen getragen werden müssen, vorn kein Durchgang offen, hinten der Rückzug abgeschnitten, keine Wahl, als im Gänsemarsch weiterzuziehen. Dann, ehe noch Zeit ist, unsere Soldaten in Schlachtordnung aufzustellen, erscheint plötzlich der Feind in überwältigender Stärke auf dem Schauplatz. Rücken wir vor, so finden wir nirgends eine Atempause; weichen wir zurück, so haben wir keinen Zufluchtsort. Wir suchen eine offene Feldschlacht, doch vergebens; und halten wir uns in der Verteidigung, so hat keiner von uns einen Augenblick Ruhe. Behaupten wir bloß unsere Stellung, so schleichen ganze Tage und Monate dahin; sobald wir uns rühren, müssen wir die Angriffe des Feindes von vorn und hinten aushalten. Das Land ist wild, ohne Wasser und Pflanzen; dem Heer fehlt das Lebensnotwendige, die Pferde sind abgetrieben und die Männer erschöpft, alle Mittel der Kraft und Geschicklichkeit vergeblich, der Pass so eng, dass ein einziger Mann, der ihn verteidigt, den Ansturm von zehntausend aufhalten kann; alle Mittel des Angriffs in der Hand des Feindes, alle Vorteile der Stellung von uns bereits verspielt: – in dieser schrecklichen Lage, selbst wenn wir die tapfersten Soldaten und die schärfsten Waffen hätten, wie könnten sie auch nur mit der geringsten Wirkung eingesetzt werden?“ Kenner der griechischen Geschichte mögen sich an das furchtbare Ende der Sizilischen Expedition erinnert fühlen und an die Todesqual der Athener unter Nikias und Demosthenes. [Siehe Thukydides, VII. 78 sqq.].]

11. Auf zerstreuendem Gelände also kämpfe nicht. Auf leichtem Gelände halte nicht an. Auf umstrittenem Gelände greife nicht an.

[Sondern richte vielmehr alle deine Kräfte darauf, die vorteilhafte Stellung zuerst zu besetzen. So Ts’ao Kung. Li Ch’uan und andere hingegen nehmen an, der Sinn sei, dass der Feind uns bereits zuvorgekommen ist, so dass ein Angriff heller Wahnsinn wäre. Im Sun Tzu Hsu Lu antwortet Sun Tzu, als der König von Wu fragt, was in diesem Fall zu tun sei: „Die Regel für umstrittenes Gelände lautet, dass die, welche es besitzen, gegenüber der anderen Seite im Vorteil sind. Hat der Feind eine Stellung dieser Art zuerst eingenommen, so hüte dich, ihn anzugreifen. Locke ihn fort, indem du Flucht vortäuschst – zeige deine Banner und rühre deine Trommeln –, stoße rasch gegen andere Orte vor, deren Verlust er sich nicht leisten kann – schleife Reisig hinter dir her und wirble Staub auf –, verwirre seine Ohren und Augen – sondere einen Trupp deiner besten Soldaten ab und lege ihn heimlich in einen Hinterhalt. Dann wird dein Gegner zum Entsatz ausrücken.“]

12. Auf offenem Gelände versuche nicht, dem Feind den Weg zu verlegen.

[Denn der Versuch wäre vergeblich und würde die sperrende Truppe selbst ernsten Gefahren aussetzen. Hier bieten sich zwei Deutungen an. Ich folge der des Chang Yu. Die andere deutet Ts’ao Kungs knappe Anmerkung an: „Schließt euch enger zusammen“ – d. h. sorge dafür, dass kein Teil deines eigenen Heeres abgeschnitten wird.]

Auf dem Gelände der sich kreuzenden Heerstraßen reiche deinen Verbündeten die Hand.

[Oder vielleicht: „Schließe Bündnisse mit den Nachbarstaaten.“]

13. Auf ernstem Gelände sammle Beute ein.

[Hierzu hat Li Ch’uan folgende köstliche Anmerkung: „Dringt ein Heer weit in das Land des Feindes ein, so muss man sich hüten, das Volk durch ungerechte Behandlung zu entfremden. Folge dem Beispiel des Han-Kaisers Kao Tsu, dessen Marsch in das Gebiet von Ch’in von keiner Schändung von Frauen und keiner Plünderung von Wertsachen begleitet war. [Nota bene: Dies geschah im Jahre 207 v. Chr. und mag uns wohl erröten lassen über die christlichen Heere, die im Jahre 1900 n. Chr. in Peking einzogen.] So gewann er die Herzen aller. An der vorliegenden Stelle muss daher, meine ich, die richtige Lesart nicht ‚plündere‘, sondern ‚plündere nicht‘ lauten.“ Ach, ich fürchte, in diesem Fall sind dem würdigen Kommentator seine Gefühle mit seinem Urteil durchgegangen. Tu Mu jedenfalls gibt sich keinen solchen Täuschungen hin. Er sagt: „Lagert man auf ‚ernstem Gelände‘, wo es vorläufig keinen Anreiz zum weiteren Vorrücken und keine Möglichkeit des Rückzugs gibt, so sollte man Vorkehrungen für einen langwierigen Widerstand treffen, indem man von allen Seiten Vorräte herbeischafft, und den Feind scharf im Auge behalten.“]

Auf schwierigem Gelände bleibe stetig auf dem Marsch.

[Oder, mit den Worten von VIII. § 2: „Schlage kein Lager auf.“]

14. Auf eingeschlossenem Gelände nimm Zuflucht zur List.

[Ts’au Kung sagt: „Versuche es mit einem ungewöhnlichen Kunstgriff“; und Tu Yu führt dies weiter aus: „In einer solchen Lage muss ein Plan ersonnen werden, der den Umständen entspricht, und wenn es uns gelingt, den Feind zu täuschen, kann man der Gefahr entrinnen.“ Genau dies geschah bei der berühmten Gelegenheit, als Hannibal in den Bergen an der Straße nach Casilinum eingeschlossen und allem Anschein nach von dem Diktator Fabius in der Falle gefangen war. Die List, die Hannibal ersann, um seine Feinde zu überlisten, glich bemerkenswert jener, die T’ien Tan genau 62 Jahre zuvor ebenfalls mit Erfolg angewandt hatte. [Siehe IX. § 24, Anm.] Als die Nacht hereinbrach, wurden an die Hörner von etwa 2000 Ochsen Reisigbündel gebunden und angezündet, worauf man die erschreckten Tiere rasch den Berghang entlang auf die Pässe zutrieb, die vom Feind besetzt waren. Das seltsame Schauspiel dieser sich rasch bewegenden Lichter erschreckte und verwirrte die Römer so sehr, dass sie ihre Stellung räumten, und Hannibals Heer zog sicher durch den Engpass. [Siehe Polybios, III. 93, 94; Livius, XXII. 16, 17.]

Auf verzweifeltem Gelände kämpfe.

[Denn, wie Chia Lin bemerkt: „Kämpfst du mit aller Kraft, so besteht eine Aussicht auf Leben; der Tod hingegen ist gewiss, wenn du dich an deinen Winkel klammerst.“]

15. Die man in alter Zeit geschickte Anführer nannte, wussten einen Keil zwischen die Front und die Nachhut des Feindes zu treiben;

[Wörtlicher: „Front und Nachhut die Fühlung miteinander verlieren lassen.“]

das Zusammenwirken seiner großen und kleinen Abteilungen zu verhindern; die guten Truppen daran zu hindern, den schlechten zu Hilfe zu kommen, die Offiziere daran, ihre Leute zu sammeln.

16. Waren die Männer des Feindes zerstreut, so hinderten sie sie daran, sich zu sammeln; selbst wenn seine Streitkräfte vereint waren, verstanden sie es, sie in Unordnung zu halten.

17. War es zu ihrem Vorteil, so rückten sie vor; war es anders, so hielten sie still.

[Mei Yao-ch’en verknüpft dies mit dem Vorhergehenden: „Nachdem es ihnen gelungen war, den Feind so aus dem Gefüge zu bringen, drangen sie vor, um jeden Vorteil zu sichern, der zu gewinnen war; gab es keinen Vorteil zu gewinnen, so blieben sie, wo sie waren.“]

18. Fragte man mich, wie man einer großen feindlichen Heerschar begegnen solle, die in geordneter Aufstellung im Begriff steht, zum Angriff anzurücken, so würde ich sagen: „Beginne damit, etwas zu ergreifen, das deinem Gegner teuer ist; dann wird er deinem Willen gefügig sein.“

[Die Meinungen darüber, was Sun Tzu im Sinn hatte, gehen auseinander. Ts’ao Kung meint, es sei „irgendein strategischer Vorteil, auf den sich der Feind verlässt“. Tu Mu sagt: „Die drei Dinge, die ein Feind zu tun begierig ist und von deren Gelingen sein Erfolg abhängt, sind: (1) unsere günstigen Stellungen zu erobern; (2) unser bebautes Land zu verwüsten; (3) seine eigenen Verbindungslinien zu sichern.“ Unser Ziel muss es also sein, seine Pläne in diesen drei Richtungen zu durchkreuzen und ihn so hilflos zu machen. [Vgl. III. § 3.] Indem man so kühn die Initiative ergreift, drängt man die andere Seite sogleich in die Verteidigung.]

19. Schnelligkeit ist das Wesen des Krieges:

[Nach Tu Mu ist „dies eine Zusammenfassung der leitenden Grundsätze der Kriegführung“, und er fügt hinzu: „Dies sind die tiefsten Wahrheiten der Kriegswissenschaft und die vornehmste Aufgabe des Generals.“ Die folgenden Anekdoten, die Ho Shih erzählt, zeigen, welche Bedeutung zwei der größten Generäle Chinas der Schnelligkeit beimaßen. Im Jahre 227 n. Chr. sann Meng Ta, Statthalter von Hsin-ch’eng unter dem Wei-Kaiser Wen Ti, darauf, zum Haus Shu abzufallen, und war mit Chu-ko Liang, dem Kanzler jenes Staates, in Briefwechsel getreten. Der Wei-General Ssu-ma I war damals Militärgouverneur von Wan; als er von Meng Tas Verrat Wind bekam, brach er sogleich mit einem Heer auf, um dessen Aufstand zuvorzukommen, nachdem er ihn zuvor durch eine scheinbar freundschaftliche Botschaft eingelullt hatte. Ssu-mas Offiziere kamen zu ihm und sagten: „Wenn Meng Ta sich mit Wu und Shu verbündet hat, sollte die Sache gründlich untersucht werden, ehe wir etwas unternehmen.“ Ssu-ma I erwiderte: „Meng Ta ist ein Mann ohne Grundsätze, und wir sollten sofort ausziehen und ihn bestrafen, solange er noch schwankt und ehe er die Maske abgeworfen hat.“ Dann brachte er sein Heer in einer Reihe von Gewaltmärschen binnen acht Tagen unter die Mauern von Hsin-ch’eng. Nun hatte Meng Ta zuvor in einem Brief an Chu-ko Liang gesagt: „Wan ist 1200 li von hier entfernt. Wenn die Nachricht von meinem Aufstand Ssu-ma I erreicht, wird er sogleich seinen kaiserlichen Herrn benachrichtigen, doch wird ein ganzer Monat vergehen, ehe irgendwelche Schritte unternommen werden können, und bis dahin wird meine Stadt gut befestigt sein. Außerdem wird Ssu-ma I gewiss nicht selbst kommen, und die Generäle, die man gegen uns schicken wird, sind keiner Sorge wert.“ Der nächste Brief jedoch war voller Bestürzung: „Obwohl erst acht Tage vergangen sind, seit ich meine Gefolgschaft aufgekündigt habe, steht schon ein Heer vor den Stadttoren. Welch wunderbare Schnelligkeit ist das!“ Zwei Wochen später war Hsin-ch’eng gefallen, und Meng Ta hatte seinen Kopf verloren. [Siehe Chin Shu, Kap. 1, f. 3.] Im Jahre 621 n. Chr. wurde Li Ching von K’uei-chou in Ssu-ch’uan ausgesandt, um den erfolgreichen Rebellen Hsiao Hsien zu unterwerfen, der sich im heutigen Ching-chou Fu in Hupeh zum Kaiser aufgeworfen hatte. Es war Herbst, und da der Yangtsze damals Hochwasser führte, ließ Hsiao Hsien sich nicht träumen, dass sein Gegner es wagen würde, durch die Schluchten herabzukommen, und traf folglich keine Vorkehrungen. Li Ching aber schiffte sein Heer ohne Zeitverlust ein und war eben im Begriff aufzubrechen, als die anderen Generäle ihn anflehten, seine Abfahrt zu verschieben, bis der Fluss für die Schifffahrt weniger gefährlich wäre. Li Ching erwiderte: „Für den Soldaten ist überwältigende Schnelligkeit von höchster Bedeutung, und er darf nie eine Gelegenheit versäumen. Jetzt ist die Zeit zuzuschlagen, ehe Hsiao Hsien auch nur weiß, dass wir ein Heer versammelt haben. Nutzen wir den gegenwärtigen Augenblick, da der Fluss Hochwasser führt, so werden wir mit verblüffender Plötzlichkeit vor seiner Hauptstadt erscheinen, gleich dem Donner, den man hört, ehe man Zeit hat, sich die Ohren zuzuhalten. [Siehe VII. § 19, Anm.] Dies ist der große Grundsatz im Krieg. Selbst wenn er von unserem Nahen erfährt, wird er seine Soldaten in solcher Eile ausheben müssen, dass sie nicht imstande sein werden, sich uns entgegenzustellen. So werden die vollen Früchte des Sieges unser sein.“ Alles kam, wie er vorausgesagt hatte, und Hsiao Hsien war genötigt, sich zu ergeben, wobei er edelmütig zur Bedingung machte, dass sein Volk verschont werde und er allein die Todesstrafe erleide.]

nutze die mangelnde Bereitschaft des Feindes, bahne dir deinen Weg auf unerwarteten Wegen und greife unbewachte Stellen an.

20. Folgendes sind die Grundsätze, die eine einfallende Streitmacht zu beachten hat: Je weiter du in ein Land eindringst, desto größer wird der Zusammenhalt deiner Truppen sein, und so werden die Verteidiger gegen dich nichts ausrichten.

21. Unternimm Streifzüge in fruchtbares Land, um dein Heer mit Nahrung zu versorgen.

[Vgl. supra, § 13. Li Ch’uan wagt hier keine Anmerkung.]

22. Sorge sorgfältig für das Wohlergehen deiner Männer,

[Unter „Wohlergehen“ versteht Wang Hsi: „Hätschle sie, gehe auf ihre Launen ein, gib ihnen reichlich zu essen und zu trinken und kümmere dich überhaupt um sie.“]

und überfordere sie nicht. Sammle deine Energie und spare deine Kraft.

[Ch’en erinnert an das Vorgehen, das im Jahre 224 v. Chr. der berühmte General Wang Chien wählte, dessen militärisches Genie wesentlich zum Erfolg des Ersten Kaisers beitrug. Er war in den Staat Ch’u eingefallen, wo man ein allgemeines Aufgebot gegen ihn aufbrachte. Da er jedoch der Stimmung seiner Truppen nicht sicher war, lehnte er alle Aufforderungen zum Kampf ab und hielt sich streng in der Verteidigung. Vergebens versuchte der General von Ch’u, eine Schlacht zu erzwingen: Tag für Tag blieb Wang Chien hinter seinen Mauern und wollte nicht herauskommen, sondern widmete seine ganze Zeit und Kraft dem Ziel, die Zuneigung und das Vertrauen seiner Männer zu gewinnen. Er sorgte dafür, dass sie gut verpflegt wurden, teilte seine eigenen Mahlzeiten mit ihnen, schuf Gelegenheiten zum Baden und wandte jedes Mittel kluger Nachsicht an, um sie zu einer treuen und einheitlichen Schar zusammenzuschweißen. Nachdem einige Zeit verstrichen war, beauftragte er gewisse Leute herauszufinden, womit sich die Männer vergnügten. Die Antwort lautete, sie wetteiferten miteinander im Steinstoßen und im Weitsprung. Als Wang Chien hörte, dass sie diesen Leibesübungen nachgingen, wusste er, dass ihr Mut auf die erforderliche Höhe gespannt war und sie nun zum Kampf bereit waren. Inzwischen war das Heer von Ch’u, nachdem es seine Herausforderung wieder und wieder erneuert hatte, voller Verdruss nach Osten abgezogen. Der General von Ch’in brach sofort sein Lager ab und folgte ihm, und in der Schlacht, die sich daraus ergab, wurden sie unter großem Gemetzel in die Flucht geschlagen. Kurz darauf wurde ganz Ch’u von Ch’in erobert und der König Fu-ch’u in die Gefangenschaft geführt.]

Halte dein Heer ständig in Bewegung,

[Damit der Feind nie genau weiß, wo du bist. Mir ist jedoch der Gedanke gekommen, die richtige Lesart könnte lauten: „Halte dein Heer fest zusammen.“]

und ersinne unergründliche Pläne.

23. Wirf deine Soldaten in Stellungen, aus denen es kein Entrinnen gibt, und sie werden den Tod der Flucht vorziehen. Wenn sie dem Tod ins Auge sehen, gibt es nichts, was sie nicht vollbringen könnten.

[Chang Yu zitiert seinen Lieblingsautor Wei Liao Tzŭ (Kap. 3): „Wenn ein einzelner Mann mit einem Schwert auf dem Marktplatz Amok liefe und alle anderen versuchten, ihm aus dem Weg zu gehen, so würde ich nicht zugeben, dass dieser Mann allein Mut besäße und alle übrigen verächtliche Feiglinge wären. Die Wahrheit ist, dass ein Verzweifelter und ein Mann, dem an seinem Leben etwas liegt, einander nicht zu gleichen Bedingungen begegnen.“]

Offiziere und Mannschaften gleichermaßen werden ihre äußerste Kraft aufbieten.

[Chang Yu sagt: „Befinden sie sich gemeinsam in einer misslichen Lage, so werden sie gewiss ihre vereinte Kraft aufbieten, um aus ihr herauszukommen.“]

24. Soldaten in äußerster Bedrängnis verlieren das Gefühl der Furcht. Gibt es keinen Zufluchtsort, so werden sie standhalten. Sind sie im Herzen eines feindlichen Landes, so werden sie hartnäckig die Stirn bieten. Gibt es keinen Ausweg, so werden sie verbissen kämpfen.

25. So werden die Soldaten, ohne dass man sie aufzustellen braucht, ständig auf dem Qui-vive sein; ohne dass man sie darum bitten muss, werden sie deinen Willen tun;

[Wörtlich: „ohne zu bitten, wirst du erhalten“.]

ohne Beschränkungen werden sie treu sein; ohne dass man Befehle erteilt, kann man sich auf sie verlassen.

26. Verbiete das Deuten von Vorzeichen und räume mit abergläubischen Zweifeln auf. Dann ist, bis der Tod selbst kommt, kein Unheil zu fürchten.

[Die Abergläubischen, „gebannt von frechen Zweifeln und Ängsten“, entarten zu Feiglingen und „sterben vielmals, eh sie sterben“. Tu Mu zitiert Huang Shih-kung: „‚Zaubersprüche und Beschwörungen sollen streng verboten sein, und keinem Offizier soll erlaubt werden, durch Wahrsagerei nach dem Geschick eines Heeres zu forschen, damit nicht die Gemüter der Soldaten ernstlich beunruhigt werden.‘ Der Sinn ist“, fährt er fort, „dass deine Männer, wenn alle Zweifel und Bedenken abgelegt sind, in ihrer Entschlossenheit nie wanken werden, bis sie sterben.“]

27. Wenn unsere Soldaten nicht mit Geld überladen sind, so nicht, weil sie eine Abneigung gegen Reichtum hätten; wenn ihr Leben nicht übermäßig lang ist, so nicht, weil sie einem langen Leben abgeneigt wären.

[Chang Yu hat zu dieser Stelle die beste Anmerkung: „Reichtum und langes Leben sind Dinge, zu denen alle Menschen eine natürliche Neigung haben. Wenn sie daher Wertsachen verbrennen oder fortwerfen und ihr eigenes Leben opfern, so nicht, weil sie diese Dinge verabscheuten, sondern einfach, weil sie keine Wahl haben.“ Sun Tzu deutet verschmitzt an, dass es, da Soldaten nun einmal nur Menschen sind, Sache des Generals ist, dafür zu sorgen, dass ihnen keine Versuchungen in den Weg gelegt werden, sich vor dem Kampf zu drücken und reich zu werden.]

28. An dem Tag, an dem sie zur Schlacht befohlen werden, mögen deine Soldaten weinen,

[Das chinesische Wort lautet „schluchzen“. Man nimmt an, dass es einen echteren Schmerz anzeigt als bloße Tränen.]

die Sitzenden benetzen ihre Gewänder, und den Liegenden rinnen die Tränen über die Wangen.

[Nicht weil sie sich fürchten, sondern weil, wie Ts’ao Kung sagt, „alle den festen Entschluss gefasst haben, zu siegen oder zu sterben“. Wir mögen uns erinnern, dass die Helden der Ilias in der Äußerung ihrer Gefühle ebenso kindlich waren. Chang Yu spielt auf den traurigen Abschied am Fluss I zwischen Ching K’o und seinen Freunden an, als jener im Jahre 227 v. Chr. ausgesandt wurde, um dem König von Ch’in (dem späteren Ersten Kaiser) nach dem Leben zu trachten. Allen flossen die Tränen wie Regen, als er ihnen Lebewohl sagte und die folgenden Verse sprach: „Der schrille Sturmwind weht, / Kalt rinnt der Bach; / Euer Kämpe geht – / Kehrt nimmer nach.“ [1] ]

Doch bringe sie nur einmal in die Enge, und sie werden den Mut eines Chu oder eines Kuei zeigen.

[Chu war der persönliche Name des Chuan Chu, eines Eingeborenen des Staates Wu und Zeitgenossen Sun Tzus selbst, der von Kung-tzu Kuang, besser bekannt als Ho Lu Wang, dazu gebraucht wurde, seinen Herrscher Wang Liao mit einem Dolch zu ermorden, den er im Bauch eines bei einem Bankett aufgetragenen Fisches verborgen hatte. Sein Anschlag gelang, doch wurde er sofort von der Leibwache des Königs in Stücke gehauen. Dies geschah im Jahre 515 v. Chr. Der andere erwähnte Held, Ts’ao Kuei (oder Ts’ao Mo), vollbrachte die Tat, die seinen Namen berühmt gemacht hat, 166 Jahre früher, im Jahre 681 v. Chr. Lu war dreimal von Ch’i geschlagen worden und stand eben im Begriff, einen Vertrag zu schließen, der ein großes Stück Land preisgab, als Ts’ao Kuei plötzlich Huan Kung, den Herzog von Ch’i, ergriff, während er auf den Altarstufen stand, und ihm einen Dolch an die Brust hielt. Keiner der Gefolgsleute des Herzogs wagte, sich zu rühren, und Ts’ao Kuei forderte nun volle Rückerstattung, indem er erklärte, Lu werde ungerecht behandelt, weil es ein kleinerer und schwächerer Staat sei. Huan Kung, der um sein Leben bangte, war genötigt einzuwilligen, worauf Ts’ao Kuei seinen Dolch fortwarf und ruhig seinen Platz inmitten der entsetzten Versammlung wieder einnahm, ohne auch nur die Farbe gewechselt zu haben. Wie zu erwarten war, wollte der Herzog später die Abmachung widerrufen, doch sein weiser alter Ratgeber Kuan Chung wies ihn auf die Unklugheit eines Wortbruchs hin, und das Ergebnis war, dass dieser kühne Streich Lu alles zurückgewann, was es in drei offenen Feldschlachten verloren hatte.]

29. Der geschickte Taktiker lässt sich mit der Shuai-jan vergleichen. Die Shuai-jan nun ist eine Schlange, die in den Ch‘ang-Bergen vorkommt.

[„Shuai-jan“ bedeutet „plötzlich“ oder „rasch“, und die fragliche Schlange wurde zweifellos wegen der Schnelligkeit ihrer Bewegungen so genannt. Durch diese Stelle wird der Ausdruck im Chinesischen heute im Sinne von „militärische Manöver“ gebraucht.]

Schlage nach ihrem Kopf, und du wirst von ihrem Schwanz angegriffen; schlage nach ihrem Schwanz, und du wirst von ihrem Kopf angegriffen; schlage nach ihrer Mitte, und du wirst von Kopf und Schwanz zugleich angegriffen.

30. Gefragt, ob man ein Heer dazu bringen kann, die Shuai-jan nachzuahmen,

[Das heißt, wie Mei Yao-ch’en sagt: „Ist es möglich, Front und Nachhut eines Heeres so zu gestalten, dass jede auf einen Angriff gegen die andere rasch antwortet, gerade als wären sie Teile eines einzigen lebendigen Körpers?“]

würde ich antworten: Ja. Denn die Männer von Wu und die Männer von Yüeh sind Feinde;

[Vgl. VI. § 21.]

doch wenn sie im selben Boot einen Fluss überqueren und von einem Sturm überrascht werden, kommen sie einander zu Hilfe, so wie die linke Hand der rechten hilft.

[Der Sinn ist: Wenn zwei Feinde einander in einer Zeit gemeinsamer Gefahr helfen, wie viel mehr sollten es zwei Teile desselben Heeres tun, die durch jedes Band des Interesses und des Mitgefühls verbunden sind. Und doch ist es bekannt, dass so mancher Feldzug an mangelndem Zusammenwirken gescheitert ist, besonders im Fall verbündeter Heere.]

31. Daher genügt es nicht, sein Vertrauen darauf zu setzen, dass man die Pferde anbindet und die Räder der Streitwagen in die Erde gräbt.

[Diese seltsamen Mittel, um das eigene Heer am Davonlaufen zu hindern, erinnern an den athenischen Helden Sophanes, der in der Schlacht bei Plataiai einen Anker mit sich trug, mit dem er sich fest an einer Stelle verankerte. [Siehe Herodot, IX. 74.] Es genügt nicht, sagt Sun Tzu, die Flucht durch solche mechanischen Mittel unmöglich zu machen. Du wirst keinen Erfolg haben, wenn deine Männer nicht Zähigkeit und Einheit des Willens besitzen und vor allem einen Geist mitfühlenden Zusammenwirkens. Dies ist die Lehre, die man von der Shuai-jan lernen kann.]

32. Der Grundsatz, nach dem ein Heer zu führen ist, besteht darin, ein einziges Maß an Mut aufzustellen, das alle erreichen müssen.

[Wörtlich: „den Mut [aller] ausgleichen, als wäre [er der] eines Einzigen“. Soll das ideale Heer ein einziges organisches Ganzes bilden, so folgt daraus, dass Entschlossenheit und Geist seiner Bestandteile von gleicher Güte sein müssen oder doch jedenfalls nicht unter ein gewisses Maß sinken dürfen. Wellingtons scheinbar undankbare Beschreibung seines Heeres bei Waterloo als „das schlechteste, das er je befehligt habe“, bedeutete nicht mehr, als dass es in diesem wichtigen Punkt mangelhaft war – in der Einheit von Geist und Mut. Hätte er die Abtrünnigkeit der Belgier nicht vorausgesehen und diese Truppen sorgfältig im Hintergrund gehalten, so hätte er die Schlacht fast gewiss verloren.]

33. Wie man das Beste aus Starken und Schwachen zugleich macht – das ist eine Frage, die den richtigen Gebrauch des Geländes betrifft.

[Mei Yao-ch’ens Umschreibung lautet: „Der Weg, die Unterschiede zwischen Starken und Schwachen aufzuheben und beide brauchbar zu machen, besteht darin, die zufälligen Eigenheiten des Geländes zu nutzen.“ Weniger verlässliche Truppen werden, wenn sie in starken Stellungen postiert sind, ebenso lange aushalten wie bessere Truppen in ungeschützterem Gelände. Der Vorteil der Stellung gleicht die Unterlegenheit an Ausdauer und Mut aus. Oberst Henderson sagt: „Bei aller Achtung vor den Lehrbüchern und dem üblichen taktischen Unterricht neige ich zu der Ansicht, dass das Studium des Geländes oft vernachlässigt wird und dass man keineswegs genügend Gewicht auf die Wahl der Stellungen legt … und auf die ungeheuren Vorteile, die sich, ob man verteidigt oder angreift, aus der richtigen Nutzung natürlicher Geländeformen ziehen lassen.“ [2] ]

34. So führt der geschickte General sein Heer, gerade als führte er einen einzelnen Mann, ob er will oder nicht, an der Hand.

[Tu Mu sagt: „Das Gleichnis bezieht sich auf die Leichtigkeit, mit der er es tut.“]

35. Sache eines Generals ist es, ruhig zu sein und so Verschwiegenheit zu sichern; aufrecht und gerecht, und so Ordnung zu wahren.

36. Er muss imstande sein, seine Offiziere und Mannschaften durch falsche Meldungen und falschen Schein zu täuschen,

[Wörtlich: „ihre Augen und Ohren zu betrügen“.]

und sie so in völliger Unwissenheit zu halten.

[Ts’ao Kung gibt uns einen seiner trefflichen Sinnsprüche: „Die Truppen dürfen an deinen Plänen nicht von Anfang an teilhaben; sie dürfen sich nur mit dir über deren glücklichen Ausgang freuen.“ „Den Feind zu verwirren, irrezuführen und zu überraschen“ ist, wie oft hervorgehoben worden ist, einer der ersten Grundsätze im Krieg. Doch wie steht es mit dem anderen Vorgang – der Täuschung der eigenen Leute? Wer meint, Sun Tzu lege auf diesen Punkt allzu viel Nachdruck, täte gut daran, Oberst Hendersons Bemerkungen über Stonewall Jacksons Feldzug im Shenandoah-Tal zu lesen: „Die unendliche Mühe“, sagt er, „mit der Jackson selbst vor seinen vertrautesten Stabsoffizieren seine Bewegungen, seine Absichten und seine Gedanken zu verbergen suchte, hätte ein weniger gründlicher Befehlshaber für nutzlos erklärt“ – usw. usw. [3] Im Jahre 88 n. Chr., wie wir im 47. Kapitel des Hou Han Shu lesen, „zog Pan Ch’ao mit 25 000 Mann aus Khotan und anderen zentralasiatischen Staaten ins Feld, um Yarkand niederzuwerfen. Der König von Kutscha antwortete, indem er seinen obersten Befehlshaber mit einem aus den Königreichen Wen-su, Ku-mo und Wei-t’ou aufgebotenen Heer von insgesamt 50 000 Mann aussandte, um dem Ort zu Hilfe zu kommen. Pan Ch’ao rief seine Offiziere und auch den König von Khotan zu einem Kriegsrat zusammen und sprach: ‚Unsere Streitkräfte sind jetzt in der Minderzahl und außerstande, dem Feind die Stirn zu bieten. Der beste Plan ist daher, dass wir uns trennen und zerstreuen, jeder in eine andere Richtung. Der König von Khotan wird auf dem östlichen Weg abziehen, und ich werde dann selbst nach Westen zurückkehren. Lasst uns warten, bis die Abendtrommel ertönt ist, und dann aufbrechen.‘ Pan Ch’ao ließ nun heimlich die Gefangenen frei, die er lebend gefangen hatte, und so wurde der König von Kutscha von seinen Plänen unterrichtet. Hocherfreut über die Nachricht, brach dieser sogleich an der Spitze von 10 000 Reitern auf, um Pan Ch’ao den Rückzug im Westen zu verlegen, während der König von Wen-su mit 8000 Reitern ostwärts ritt, um den König von Khotan abzufangen. Sobald Pan Ch’ao wusste, dass die beiden Häuptlinge fort waren, rief er seine Abteilungen zusammen, nahm sie fest in die Hand und warf sie beim Hahnenschrei gegen das Heer von Yarkand, wie es im Lager lag. Die Barbaren flohen, von Panik ergriffen, in Verwirrung und wurden von Pan Ch’ao dicht verfolgt. Über 5000 Köpfe wurden als Trophäen zurückgebracht, dazu ungeheure Beute an Pferden und Rindern und Wertsachen jeder Art. Da Yarkand sich nun ergab, zogen Kutscha und die anderen Königreiche ihre jeweiligen Streitkräfte ab. Von dieser Zeit an flößte Pan Ch’aos Ansehen den Ländern des Westens völlige Ehrfurcht ein.“ In diesem Fall sehen wir, dass der chinesische General nicht nur seine eigenen Offiziere über seine wirklichen Pläne in Unwissenheit hielt, sondern tatsächlich den kühnen Schritt wagte, sein Heer zu teilen, um den Feind zu täuschen.]

37. Indem er seine Anordnungen abändert und seine Pläne wechselt,

[Wang Hsi meint, dies bedeute, nicht zweimal dieselbe List anzuwenden.]

hält er den Feind ohne sichere Kenntnis.

[Chang Yu sagt in einem Zitat aus einem anderen Werk: „Der Grundsatz, dass der Krieg auf Täuschung beruht, gilt nicht nur für die Täuschung des Feindes. Du musst sogar deine eigenen Soldaten täuschen. Lass sie dir folgen, doch ohne sie wissen zu lassen, warum.“]

Indem er sein Lager verlegt und Umwege einschlägt, hindert er den Feind daran, seine Absicht vorauszusehen.

38. Im entscheidenden Augenblick handelt der Anführer eines Heeres wie einer, der eine Höhe erklommen hat und dann die Leiter hinter sich wegstößt. Er führt seine Männer tief in feindliches Gebiet, ehe er seine Karten aufdeckt.

[Wörtlich: „löst die Feder aus“ (siehe V. § 15), das heißt, er tut einen entscheidenden Schritt, der es dem Heer unmöglich macht zurückzukehren – wie Hsiang Yu, der seine Schiffe versenkte, nachdem er einen Fluss überquert hatte. Ch’en Hao, dem Chia Lin folgt, versteht die Worte weniger treffend als „setzt jede ihm zu Gebote stehende List ein“.]

39. Er verbrennt seine Boote und zerschlägt seine Kochtöpfe; wie ein Hirte, der eine Schafherde treibt, treibt er seine Männer hierhin und dorthin, und keiner weiß, wohin er geht.

[Tu Mu sagt: „Das Heer kennt nur die Befehle zum Vorrücken oder Zurückweichen; die tieferen Zwecke des Angreifens und Eroberns sind ihm unbekannt.“]

40. Sein Heer aufzubieten und es in Gefahr zu bringen: – dies kann man die Aufgabe des Generals nennen.

[Sun Tzu meint, dass nach der Mobilmachung kein Verzug eintreten sollte, ehe man einen Schlag gegen das Herz des Feindes führt. Man beachte, wie er wieder und wieder auf diesen Punkt zurückkommt. Unter den kämpfenden Staaten des alten China war die Fahnenflucht zweifellos eine weit gegenwärtigere Furcht und ein ernsteres Übel, als sie es in den Heeren von heute ist.]

41. Die verschiedenen Maßnahmen, die den neun Arten von Gelände entsprechen;

[Chang Yu sagt: „Man darf bei der Auslegung der Regeln für die neun Arten von Gelände nicht engstirnig sein.“]

die Zweckmäßigkeit angreifender oder verteidigender Taktik; und die Grundgesetze der menschlichen Natur: Dies sind Dinge, die ganz gewiss studiert werden müssen.

42. Beim Einfall in feindliches Gebiet gilt der allgemeine Grundsatz, dass tiefes Eindringen Zusammenhalt bewirkt, nur geringes Eindringen dagegen Zerstreuung bedeutet.

[Vgl. supra, § 20.]

43. Wenn du dein eigenes Land hinter dir lässt und dein Heer durch benachbartes Gebiet führst, befindest du dich auf kritischem Gelände.

[Dieses „Gelände“ wird merkwürdigerweise in VIII. § 2 erwähnt, erscheint aber weder unter den Neun Lagen noch unter den Sechs Unglücksfällen in Kap. X. Die erste Regung wäre, es mit „fernes Gelände“ zu übersetzen, doch eben dies ist, wenn wir den Kommentatoren trauen dürfen, hier gerade nicht gemeint. Mei Yao-ch’en sagt, es sei „eine Stellung, nicht weit genug vorgeschoben, um ‚leicht‘ genannt zu werden, und nicht nahe genug der Heimat, um ‚zerstreuend‘ zu sein, sondern etwas zwischen beiden“. Wang Hsi sagt: „Es ist Gelände, das durch einen dazwischenliegenden Staat von der Heimat getrennt ist, dessen Gebiet wir durchqueren mussten, um es zu erreichen. Daher obliegt es uns, unsere Sache dort rasch zu erledigen.“ Er fügt hinzu, dass diese Lage selten vorkommt, und dies sei der Grund, weshalb sie nicht unter die Neun Lagen aufgenommen ist.]

Gibt es Verbindungswege nach allen vier Seiten, so ist das Gelände eines der sich kreuzenden Heerstraßen.

44. Dringst du tief in ein Land ein, so ist es ernstes Gelände. Dringst du nur ein wenig ein, so ist es leichtes Gelände.

45. Hast du die Festungen des Feindes im Rücken und enge Pässe vor dir, so ist es eingeschlossenes Gelände. Gibt es überhaupt keinen Zufluchtsort, so ist es verzweifeltes Gelände.

46. Darum würde ich auf zerstreuendem Gelände meinen Männern Einheit des Willens einflößen.

[Dieses Ziel wird nach Tu Mu am besten erreicht, indem man in der Verteidigung bleibt und der Schlacht ausweicht. Vgl. supra, § 11.]

Auf leichtem Gelände würde ich dafür sorgen, dass zwischen allen Teilen meines Heeres enge Verbindung besteht.

[Wie Tu Mu sagt, besteht das Ziel darin, sich gegen zwei mögliche Zwischenfälle zu wappnen: „(1) die Fahnenflucht unserer eigenen Truppen; (2) einen plötzlichen Angriff von Seiten des Feindes.“ Vgl. VII. § 17. Mei Yao-ch’en sagt: „Auf dem Marsch sollen die Regimenter in enger Fühlung sein; im Lager soll zwischen den Befestigungen ein lückenloser Zusammenhang bestehen.“]

47. Auf umstrittenem Gelände würde ich meine Nachhut zur Eile antreiben.

[Dies ist die Deutung des Ts’ao Kung. Chang Yu übernimmt sie und sagt: „Wir müssen unsere Nachhut rasch heranführen, damit Kopf und Schwanz beide das Ziel erreichen.“ Das heißt, man darf sie nicht in weitem Abstand voneinander nachzotteln lassen. Mei Yao-ch’en bietet eine andere, ebenso einleuchtende Erklärung: „Angenommen, der Feind hat die begehrte Stellung noch nicht erreicht, und wir sind hinter ihm, so sollten wir mit aller Eile vorrücken, um ihm ihren Besitz streitig zu machen.“ Ch’en Hao hingegen, der annimmt, der Feind habe Zeit gehabt, sein eigenes Gelände zu wählen, zitiert VI. § 1, wo Sun Tzu uns davor warnt, erschöpft zum Angriff zu kommen. Seine eigene Auffassung der Lage ist recht unbestimmt ausgedrückt: „Liegt eine günstige Stellung vor dir, so sondere einen auserlesenen Trupp ab, um sie zu besetzen; kommt dann der Feind, auf seine Zahl vertrauend, heran, um darum zu kämpfen, so kannst du mit deiner Hauptmacht rasch über seinen Rücken herfallen, und der Sieg ist dir gewiss.“ So, fügt er hinzu, schlug Chao She das Heer von Ch’in. (Siehe S. 57.)]

48. Auf offenem Gelände würde ich ein wachsames Auge auf meine Verteidigungsanlagen haben. Auf dem Gelände der sich kreuzenden Heerstraßen würde ich meine Bündnisse festigen.

49. Auf ernstem Gelände würde ich versuchen, einen ununterbrochenen Strom von Nachschub zu sichern.

[Die Kommentatoren beziehen dies auf Futter und Beute, nicht, wie man erwarten könnte, auf eine ununterbrochene Verbindung mit einem heimatlichen Stützpunkt.]

Auf schwierigem Gelände würde ich unablässig die Straße entlang vorwärtsdrängen.

50. Auf eingeschlossenem Gelände würde ich jeden Rückzugsweg versperren.

[Meng Shih sagt: „Um den Anschein zu erwecken, als wolle ich die Stellung verteidigen, während meine wahre Absicht ist, plötzlich durch die Linien des Feindes zu brechen.“ Mei Yao-ch’en sagt: „um meine Soldaten mit Verzweiflung kämpfen zu lassen“. Wang Hsi sagt: „aus Furcht, meine Männer könnten in Versuchung geraten davonzulaufen“. Tu Mu weist darauf hin, dass dies die Umkehrung von VII. § 36 ist, wo der Feind der Umzingelte ist. Im Jahre 532 n. Chr. wurde Kao Huan, später Kaiser und unter dem Namen Shen-wu kanonisiert, von einem großen Heer unter Erh-chu Chao und anderen umzingelt. Seine eigene Streitmacht war vergleichsweise klein und bestand nur aus 2000 Reitern und etwas unter 30 000 Mann Fußvolk. Der Belagerungsring war nicht sehr eng gezogen; an gewissen Stellen waren Lücken gelassen. Doch statt zu versuchen zu entkommen, brachte es Kao Huan tatsächlich fertig, alle verbliebenen Ausgänge selbst zu versperren, indem er eine Anzahl aneinandergeseilter Ochsen und Esel hineintrieb. Sobald seine Offiziere und Mannschaften sahen, dass ihnen nichts blieb, als zu siegen oder zu sterben, stieg ihr Mut zu einem außerordentlichen Grad der Begeisterung, und sie stürmten mit so verzweifelter Wildheit an, dass die gegnerischen Reihen unter ihrem Ansturm brachen und zerfielen.]

Auf verzweifeltem Gelände würde ich meinen Soldaten verkünden, dass keine Hoffnung besteht, ihr Leben zu retten.

Tu Yu sagt: „Verbrenne dein Gepäck und deinen Tross, wirf deine Vorräte und Lebensmittel fort, schütte die Brunnen zu, zerstöre deine Kochherde und mache deinen Männern klar, dass sie nicht überleben können, sondern bis zum Tod kämpfen müssen.“ Mei Yao-ch’en sagt: „Die einzige Aussicht auf Leben liegt darin, alle Hoffnung darauf aufzugeben.“ Damit schließt, was Sun Tzu über die „Gelände“ und die ihnen entsprechenden „Abwandlungen“ zu sagen hat. Überblicken wir die Stellen, die sich auf diesen wichtigen Gegenstand beziehen, so kann uns die sprunghafte und unmethodische Weise nicht entgehen, in der er behandelt wird. Sun Tzu beginnt in VIII. § 2 unvermittelt, „Abwandlungen“ aufzuzählen, ehe er überhaupt auf die „Gelände“ zu sprechen kommt, nennt aber nur fünf, nämlich Nr. 7, 5, 8 und 9 der späteren Liste und eine, die darin nicht enthalten ist. Einige Arten von Gelände werden im früheren Teil von Kap. IX behandelt, und dann stellt Kap. X sechs neue Gelände auf, mit sechs entsprechenden Abwandlungen des Plans. Keines davon wird wieder erwähnt, obwohl das erste kaum von Gelände Nr. 4 im nächsten Kapitel zu unterscheiden ist. Endlich gelangen wir in Kap. XI zu den Neun Geländen par excellence, auf die unmittelbar die Abwandlungen folgen. Dies führt uns bis § 14. In §§ 43–45 werden neue Bestimmungen für Nr. 5, 6, 2, 8 und 9 (in dieser Reihenfolge) gegeben, ebenso für das zehnte Gelände, das in Kap. VIII erwähnt ist; und schließlich werden die neun Abwandlungen noch einmal von Anfang bis Ende aufgezählt, die alle, mit Ausnahme von 5, 6 und 7, von den zuvor gegebenen abweichen. Obwohl es unmöglich ist, den gegenwärtigen Zustand von Sun Tzus Text zu erklären, lassen sich einige aufschlussreiche Tatsachen hervorheben: (1) Kap. VIII sollte nach seinem Titel neun Abwandlungen behandeln, während nur fünf erscheinen. (2) Es ist ein ungewöhnlich kurzes Kapitel. (3) Kap. XI trägt den Titel Die neun Gelände. Mehrere davon werden zweimal bestimmt, und außerdem gibt es zwei verschiedene Listen der entsprechenden Abwandlungen. (4) Die Länge des Kapitels ist unverhältnismäßig, da es doppelt so lang ist wie jedes andere außer IX. Ich gedenke aus diesen Tatsachen keine Schlüsse zu ziehen, über die allgemeine Folgerung hinaus, dass Sun Tzus Werk nicht in der Gestalt auf uns gekommen sein kann, in der es seine Hände verließ: Kap. VIII ist offenkundig lückenhaft und wahrscheinlich fehl am Platz, während XI Stoff zu enthalten scheint, der entweder von späterer Hand hinzugefügt worden ist oder an anderer Stelle stehen sollte.]

51. Denn es liegt in der Natur des Soldaten, hartnäckigen Widerstand zu leisten, wenn er umzingelt ist, verbissen zu kämpfen, wenn er sich nicht anders helfen kann, und rasch zu gehorchen, wenn er in Gefahr geraten ist.

[Chang Yu spielt auf das Verhalten der ergebenen Gefolgsleute Pan Ch’aos im Jahre 73 n. Chr. an. Die Geschichte lautet im Hou Han Shu, Kap. 47, folgendermaßen: „Als Pan Ch’ao in Shan-shan ankam, empfing ihn Kuang, der König des Landes, anfangs mit großer Höflichkeit und Achtung; doch kurz darauf änderte sich sein Benehmen plötzlich, und er wurde nachlässig und gleichgültig. Pan Ch’ao sprach darüber zu den Offizieren seines Gefolges: ‚Habt ihr bemerkt‘, sagte er, ‚dass Kuangs höfliche Absichten im Schwinden sind? Das muss bedeuten, dass Gesandte von den nördlichen Barbaren gekommen sind und dass er folglich unschlüssig ist und nicht weiß, auf welche Seite er sich schlagen soll. Das ist gewiss der Grund. Der wahrhaft Weise, so heißt es, kann die Dinge wahrnehmen, ehe sie geschehen sind; wie viel mehr dann jene, die bereits offenkundig sind!‘ Daraufhin rief er einen der Eingeborenen, die ihm zu Diensten zugeteilt waren, und stellte ihm eine Falle, indem er sagte: ‚Wo sind jene Gesandten der Hsiung-nu, die vor einigen Tagen angekommen sind?‘ Der Mann war so verblüfft, dass er zwischen Überraschung und Furcht alsbald die ganze Wahrheit herausplatzte. Pan Ch’ao hielt seinen Gewährsmann sorgsam unter Schloss und Riegel, rief dann eine allgemeine Versammlung seiner Offiziere, im Ganzen sechsunddreißig, zusammen und begann mit ihnen zu zechen. Als ihnen der Wein ein wenig zu Kopf gestiegen war, suchte er ihren Mut noch weiter anzustacheln, indem er sie so ansprach: ‚Meine Herren, hier sind wir im Herzen einer abgelegenen Gegend, begierig, durch eine große Tat Reichtum und Ehre zu erlangen. Nun trifft es sich, dass vor nur wenigen Tagen ein Gesandter der Hsiung-no in diesem Königreich angekommen ist, und die Folge ist, dass die ehrerbietige Höflichkeit, die uns unser königlicher Gastgeber erwies, verschwunden ist. Sollte dieser Gesandte ihn dazu bewegen, unsere Schar zu ergreifen und uns den Hsiung-no auszuliefern, so werden unsere Gebeine den Wölfen der Wüste zum Fraß. Was sollen wir tun?‘ Einmütig antworteten die Offiziere: ‚Da wir in Lebensgefahr schweben, werden wir unserem Befehlshaber durch Leben und Tod folgen.‘ Zur Fortsetzung dieses Abenteuers siehe Kap. XII. § 1, Anm.]

52. Wir können mit benachbarten Fürsten kein Bündnis eingehen, ehe wir ihre Absichten kennen. Wir sind nicht geeignet, ein Heer auf dem Marsch zu führen, wenn wir mit der Gestalt des Landes nicht vertraut sind – seinen Bergen und Wäldern, seinen Fallgruben und Abgründen, seinen Marschen und Sümpfen. Wir werden natürliche Vorteile nicht nutzen können, wenn wir uns nicht ortskundiger Führer bedienen.

[Diese drei Sätze sind aus VII. §§ 12–14 wiederholt – um ihre Wichtigkeit zu betonen, wie die Kommentatoren zu meinen scheinen. Ich ziehe es vor, sie als hier eingeschoben zu betrachten, um den folgenden Worten einen Vordersatz zu geben. Was ortskundige Führer betrifft, so hätte Sun Tzu hinzufügen können, dass immer die Gefahr besteht, in die Irre zu gehen, sei es durch ihren Verrat oder durch ein Missverständnis, wie es Livius berichtet (XXII. 13): Hannibal, so wird uns erzählt, befahl einem Führer, ihn in die Gegend von Casinum zu bringen, wo ein wichtiger Pass zu besetzen war; doch sein karthagischer Akzent, der zur Aussprache lateinischer Namen nicht taugte, ließ den Führer Casilinum statt Casinum verstehen, und von seinem rechten Weg abbiegend, führte er das Heer in jene Richtung, ohne dass der Irrtum entdeckt wurde, bis sie beinahe angekommen waren.]

53. Auch nur einen der folgenden vier oder fünf Grundsätze nicht zu kennen, ziemt einem kriegerischen Fürsten nicht.

54. Greift ein kriegerischer Fürst einen mächtigen Staat an, so zeigt sich seine Feldherrnkunst darin, dass er die Vereinigung der feindlichen Streitkräfte verhindert. Er schüchtert seine Gegner ein, und ihre Verbündeten werden daran gehindert, sich gegen ihn zusammenzuschließen.

[Mei Tao-ch’en baut eine jener Ketten von Schlussfolgerungen, die bei den Chinesen so beliebt sind: „Wenn du beim Angriff auf einen mächtigen Staat seine Streitkräfte teilen kannst, wirst du an Stärke überlegen sein; bist du an Stärke überlegen, so wirst du den Feind einschüchtern; schüchterst du den Feind ein, so werden die Nachbarstaaten in Furcht geraten; und geraten die Nachbarstaaten in Furcht, so werden die Verbündeten des Feindes daran gehindert, sich ihm anzuschließen.“ Folgendes ergibt einen stärkeren Sinn: „Ist der große Staat einmal besiegt (ehe er Zeit gehabt hat, seine Verbündeten herbeizurufen), so werden die kleineren Staaten sich fernhalten und davon absehen, ihre Streitkräfte zu vereinigen.“ Ch’en Hao und Chang Yu fassen den Satz ganz anders auf. Ersterer sagt: „So mächtig ein Fürst auch sein mag, greift er einen großen Staat an, so wird er nicht genügend Truppen aufbringen können und muss sich bis zu einem gewissen Grad auf fremde Hilfe stützen; verzichtet er darauf und versucht er in übermäßigem Vertrauen auf seine eigene Stärke einfach den Feind einzuschüchtern, so wird er gewiss besiegt werden.“ Chang Yu legt seine Ansicht so dar: „Greifen wir leichtfertig einen großen Staat an, so wird unser eigenes Volk unzufrieden sein und sich zurückhalten. Wenn aber (wie es dann der Fall sein wird) unsere Entfaltung militärischer Macht um die Hälfte geringer ist als die des Feindes, so werden die anderen Häuptlinge erschrecken und sich weigern, sich uns anzuschließen.“]

55. Daher strebt er nicht danach, sich mit jedermann zu verbünden, noch fördert er die Macht anderer Staaten. Er führt seine eigenen geheimen Pläne aus und hält seine Widersacher in Furcht.

[Der Gedankengang scheint, wie Li Ch’uan sagt, folgender zu sein: Gesichert gegen einen Zusammenschluss seiner Feinde, „kann er es sich leisten, verstrickende Bündnisse abzulehnen und einfach seine eigenen geheimen Pläne zu verfolgen, da sein Ansehen ihm erlaubt, auf auswärtige Freundschaften zu verzichten“.]

So vermag er ihre Städte einzunehmen und ihre Königreiche zu stürzen.

[Dieser Absatz, obwohl viele Jahre geschrieben, ehe der Staat Ch’in zu einer ernsten Bedrohung wurde, ist keine schlechte Zusammenfassung der Politik, mit der die berühmten Sechs Kanzler allmählich den Weg für seinen endgültigen Triumph unter Shih Huang Ti bereiteten. Chang Yu meint, im Anschluss an seine vorige Anmerkung, dass Sun Tzu diese Haltung kaltblütiger Selbstsucht und hochmütiger Abschließung verurteilt.]

56. Verteile Belohnungen ohne Rücksicht auf die Regel,

[Wu Tzŭ (Kap. 3) sagt weniger weise: „Lasst den Vormarsch reich belohnt und den Rückzug schwer bestraft werden.“]

erlasse Befehle

[Wörtlich: „hänge auf“ oder „schlage an“.]

ohne Rücksicht auf frühere Anordnungen;

[„Um Verrat zu verhindern“, sagt Wang Hsi. Der allgemeine Sinn wird durch Ts’ao Kungs Zitat aus dem Ssu-ma Fa deutlich: „Gib Anweisungen erst, wenn du den Feind erblickst; gib Belohnungen, wenn du verdienstvolle Taten siehst.“ Ts’ao Kungs Umschreibung: „Die letzten Anweisungen, die du deinem Heer gibst, sollen nicht mit denen übereinstimmen, die zuvor angeschlagen worden sind.“ Chang Yu vereinfacht dies zu: „Deine Anordnungen sollen nicht im Voraus verraten werden.“ Und Chia Lin sagt: „Es soll keine Starrheit in deinen Regeln und Anordnungen geben.“ Nicht nur liegt Gefahr darin, seine Pläne bekannt werden zu lassen, sondern der Krieg macht oft ihre völlige Umkehrung im letzten Augenblick nötig.]

und du wirst ein ganzes Heer handhaben können, als hättest du es mit nur einem einzigen Mann zu tun.

[Vgl. supra, § 34.]

57. Stelle deine Soldaten vor die Tat selbst; lass sie nie deine Absicht wissen.

[Wörtlich: „sage ihnen keine Worte“; d. h. gib für keinen Befehl deine Gründe an. Lord Mansfield riet einmal einem jüngeren Amtsbruder, für seine Entscheidungen „keine Gründe anzugeben“, und dieser Grundsatz gilt für einen General noch mehr als für einen Richter.]

Ist die Aussicht hell, so führe sie ihnen vor Augen; doch sage ihnen nichts, wenn die Lage düster ist.

58. Bringe dein Heer in tödliche Gefahr, und es wird überleben; stürze es in verzweifelte Bedrängnis, und es wird heil davonkommen.

[Diese Worte Sun Tzus führte Han Hsin einst an, um die Taktik zu erklären, die er in einer seiner glänzendsten Schlachten anwandte, auf die bereits auf S. 28 angespielt wurde. Im Jahre 204 v. Chr. wurde er gegen das Heer von Chao gesandt und machte zehn Meilen vor dem Eingang des Ching-hsing-Passes halt, wo der Feind in voller Stärke versammelt war. Hier löste er um Mitternacht eine Abteilung von 2000 Mann leichter Reiterei ab, von denen jeder mit einer roten Fahne ausgestattet war. Ihr Auftrag lautete, sich durch enge Schluchten einen Weg zu bahnen und den Feind insgeheim zu beobachten. „Wenn die Männer von Chao mich in voller Flucht sehen“, sagte Han Hsin, „werden sie ihre Befestigungen verlassen und die Verfolgung aufnehmen. Das soll für euch das Zeichen sein, hineinzustürmen, die Standarten von Chao herunterzureißen und an ihrer Stelle die roten Banner von Han aufzupflanzen.“ Dann wandte er sich an seine übrigen Offiziere und bemerkte: „Unser Gegner hält eine starke Stellung und wird kaum herauskommen und uns angreifen, ehe er Standarte und Trommeln des Oberbefehlshabers sieht, aus Furcht, ich könnte umkehren und durch die Berge entkommen.“ Mit diesen Worten sandte er zuallererst eine Division von 10 000 Mann aus und befahl ihr, sich mit dem Rücken zum Fluss Ti in Schlachtordnung aufzustellen. Als das ganze Heer von Chao dieses Manöver sah, brach es in lautes Gelächter aus. Inzwischen war es heller Tag geworden, und Han Hsin entfaltete die Fahne des Generalissimus, zog unter Trommelschlag aus dem Pass heraus und wurde sogleich vom Feind in einen Kampf verwickelt. Es folgte eine große Schlacht, die eine Zeit lang währte, bis schließlich Han Hsin und sein Mitfeldherr Chang Ni Trommeln und Banner auf dem Feld zurückließen und zu der Division am Flussufer flohen, wo ein weiterer erbitterter Kampf tobte. Der Feind stürzte heraus, um sie zu verfolgen und die Trophäen zu erbeuten, und entblößte so seine Wälle von Männern; den beiden Generalen aber gelang es, sich mit dem anderen Heer zu vereinigen, das mit äußerster Verzweiflung kämpfte. Nun war die Zeit für die 2000 Reiter gekommen, ihre Rolle zu spielen. Sobald sie sahen, wie die Männer von Chao ihren Vorteil verfolgten, galoppierten sie hinter die verlassenen Mauern, rissen die Fahnen des Feindes herunter und ersetzten sie durch die von Han. Als das Heer von Chao von der Verfolgung zurückblickte, versetzte der Anblick dieser roten Fahnen es in Schrecken. In der Überzeugung, die Han seien eingedrungen und hätten ihren König überwältigt, lösten sie sich in wilder Unordnung auf, und jede Bemühung ihres Anführers, der Panik Einhalt zu gebieten, war vergebens. Da fiel das Heer von Han von beiden Seiten über sie her und vollendete die Niederlage, indem es eine Anzahl tötete und den Rest gefangen nahm, darunter König Ya selbst …. Nach der Schlacht kamen einige von Han Hsins Offizieren zu ihm und sagten: „In der Kunst des Krieges wird uns gelehrt, einen Hügel oder Grabhügel hinten zur Rechten und einen Fluss oder Sumpf vorn zur Linken zu haben. [Dies scheint eine Vermengung von Sun Tzu und T’ai Kung zu sein. Siehe IX § 9 und Anmerkung.] Ihr dagegen habt uns befohlen, unsere Truppen mit dem Fluss im Rücken aufzustellen. Wie ist es Euch unter diesen Umständen gelungen, den Sieg zu erringen?“ Der General erwiderte: „Ich fürchte, ihr Herren habt die Kunst des Krieges nicht mit hinreichender Sorgfalt studiert. Steht dort nicht geschrieben: ‚Stürze dein Heer in verzweifelte Not, und es wird heil davonkommen; bringe es in tödliche Gefahr, und es wird überleben‘? Hätte ich den gewöhnlichen Weg eingeschlagen, so hätte ich meinen Mitfeldherrn niemals umstimmen können. Was sagt der militärische Klassiker? ‚Stoße auf den Marktplatz herab und treibe die Männer in den Kampf.‘ [Diese Stelle findet sich im heutigen Text des Sun Tzu nicht.] Hätte ich meine Truppen nicht in eine Lage gebracht, in der sie gezwungen waren, um ihr Leben zu kämpfen, sondern jedem Mann erlaubt, nach eigenem Gutdünken zu handeln, so wäre es zu einer allgemeinen Auflösung gekommen, und man hätte mit ihnen unmöglich etwas ausrichten können.“ Die Offiziere erkannten die Kraft seiner Beweisführung an und sagten: „Das ist eine höhere Taktik, als wir sie hätten ersinnen können.“ [Siehe Ch’ien Han Shu, Kap. 34, Bl. 4, 5.] ]

59. Denn gerade wenn eine Streitmacht in Gefahr geraten ist, vermag sie einen Schlag zum Sieg zu führen.

[Gefahr wirkt belebend.]

60. Erfolg im Krieg erringt man, indem man sich sorgfältig den Absichten des Feindes anpasst.

[Ts’ao Kung sagt: „Stelle dich dumm“ – durch den Anschein des Nachgebens und des Eingehens auf die Wünsche des Feindes. Chang Yus Anmerkung macht den Sinn deutlich: „Zeigt der Feind Neigung vorzurücken, so locke ihn dazu; ist er begierig, sich zurückzuziehen, so zögere absichtlich, damit er seine Absicht ausführen kann.“ Der Zweck ist, ihn nachlässig und verächtlich zu machen, ehe wir zum Angriff schreiten.]

61. Indem wir uns beharrlich an die Flanke des Feindes heften,

[Ich verstehe die ersten vier Wörter im Sinne von „den Feind in einer Richtung begleiten“. Ts’ao Kung sagt: „Vereinige die Soldaten und gehe auf den Feind los.“ Eine so gewaltsame Umstellung der Schriftzeichen ist jedoch ganz und gar unhaltbar.]

werden wir auf die Dauer Erfolg haben

[Wörtlich: „nach tausend li“.]

den Oberbefehlshaber zu töten.

[Bei den Chinesen stets ein großes Anliegen.]

62. Dies nennt man die Fähigkeit, eine Sache durch bloße Schlauheit zu vollbringen.

63. An dem Tag, an dem du dein Kommando übernimmst, sperre die Grenzpässe, vernichte die amtlichen Kerbhölzer,

[Dies waren Täfelchen aus Bambus oder Holz, deren eine Hälfte von dem für ein Tor zuständigen Beamten als Erlaubnisschein oder Pass ausgegeben wurde. Vgl. den „Grenzwächter“ in Lun Yu III. 24, der ähnliche Pflichten gehabt haben mag. Wurde ihm diese Hälfte innerhalb einer festgesetzten Frist zurückgegeben, so war er befugt, das Tor zu öffnen und den Reisenden hindurchzulassen.]

und unterbinde den Durchzug aller Gesandten.

[Sei es in das Land des Feindes oder aus ihm.]

64. Sei streng in der Ratskammer,

[Zeige keine Schwäche und bestehe darauf, dass deine Pläne vom Herrscher gebilligt werden.]

damit du die Lage beherrschst.

[Mei Yao-ch’en versteht den ganzen Satz so: Triff die strengsten Vorkehrungen, um die Geheimhaltung deiner Beratungen zu sichern.]

65. Lässt der Feind eine Tür offen, so musst du hineinstürmen.

66. Komm deinem Gegner zuvor, indem du dich dessen bemächtigst, was ihm teuer ist,

[Vgl. oben, § 18.]

und richte es geschickt so ein, dass du den Zeitpunkt seines Eintreffens auf dem Gelände bestimmst.

[Ch’en Haos Erklärung: „Gelingt es mir, eine günstige Stellung zu besetzen, der Feind aber erscheint nicht auf dem Schauplatz, so lässt sich der so gewonnene Vorteil nicht praktisch nutzen. Wer daher eine für den Feind wichtige Stellung besetzen will, muss damit beginnen, mit seinem Widersacher gleichsam eine listige Verabredung zu treffen, und ihn dazu verleiten, ebenfalls dorthin zu ziehen.“ Mei Yao-ch’en erklärt, dass diese „listige Verabredung“ durch die eigenen Spione des Feindes getroffen werden soll, die genau so viel Nachricht zurücktragen, wie wir ihnen zu geben belieben. Dann, nachdem wir unsere Absichten listig enthüllt haben, „müssen wir es so einrichten, dass wir, obgleich nach dem Feind aufgebrochen, vor ihm ankommen (VII. § 4). Wir müssen nach ihm aufbrechen, um sicherzustellen, dass er dorthin marschiert; wir müssen vor ihm ankommen, um den Ort ohne Mühe einzunehmen. So verstanden, stützt die vorliegende Stelle in gewissem Maße Mei Yao-ch’ens Deutung von § 47.]

67. Wandle auf dem Pfad, den die Regel vorschreibt,

[Chia Lin sagt: „Der Sieg ist das Einzige, worauf es ankommt, und er lässt sich nicht erringen, indem man sich an herkömmliche Regeln hält.“ Es ist bedauerlich, dass diese Lesart sich auf sehr geringe Autorität stützt, denn der Sinn, den sie ergibt, ist gewiss weit befriedigender. Napoleon gewann bekanntlich nach Aussage der Veteranen der alten Schule, die er besiegte, seine Schlachten, indem er jede anerkannte Regel der Kriegführung verletzte.]

und passe dich dem Feind an, bis du eine Entscheidungsschlacht schlagen kannst.

[Tu Mu sagt: „Richte dich nach der Taktik des Feindes, bis sich eine günstige Gelegenheit bietet; dann tritt hervor und liefere eine Schlacht, die sich als entscheidend erweisen wird.“]

68. Zeige also anfangs die Sprödigkeit einer Jungfrau, bis der Feind dir eine Blöße gibt; danach eifere der Schnelligkeit eines laufenden Hasen nach, und es wird für den Feind zu spät sein, sich dir entgegenzustellen.

[Da der Hase für seine außerordentliche Furchtsamkeit bekannt ist, erscheint der Vergleich kaum glücklich. Doch Sun Tzu dachte natürlich nur an seine Schnelligkeit. Man hat die Worte so verstanden: Du musst vor dem Feind so schnell fliehen wie ein entkommender Hase; dies wird aber von Tu Mu zu Recht verworfen.]

[1] Giles’ Biographical Dictionary, Nr. 399.

[2] „The Science of War“, S. 333.

[3] „Stonewall Jackson“, Bd. I, S. 421.