[Die Überschrift bedeutet wörtlich „Die neun Abwandlungen“, doch da Sun Tzu diese nicht aufzuzählen scheint und da er uns ja bereits gesagt hat (V §§ 6–11), dass solche Abweichungen vom gewöhnlichen Verlauf praktisch unzählig sind, bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als Wang Hsi zu folgen, der sagt, dass „Neun“ für eine unbestimmt große Zahl steht. „Es bedeutet nur, dass wir im Krieg unsere Taktik aufs Äußerste abwandeln sollten … Ich weiß nicht, was Ts’ao Kung unter diesen neun Abwandlungen versteht, doch ist angeregt worden, dass sie mit den neun Lagen zusammenhängen“ – aus Kap. XI. Dies ist die Ansicht, die Chang Yu vertritt. Die einzige andere Möglichkeit ist die Annahme, dass etwas verloren gegangen ist – eine Annahme, der die ungewöhnliche Kürze des Kapitels einiges Gewicht verleiht.]
1. Sun Tzu sprach: Im Krieg empfängt der General seine Befehle vom Herrscher, bringt sein Heer auf und sammelt seine Kräfte.
[Wiederholt aus VII. § 1, wo es gewiss besser am Platz ist. Es mag hier bloß eingeschoben worden sein, um dem Kapitel einen Anfang zu verschaffen.]
2. In schwierigem Gelände lagere nicht. In Land, wo sich große Straßen kreuzen, reiche deinen Verbündeten die Hand. Verweile nicht in gefährlich abgeschiedenen Stellungen.
[Die letzte Lage ist keine der neun Lagen, wie sie zu Beginn von Kap. XI aufgeführt werden, sondern kommt später vor (ebd. § 43, q. v.). Chang Yu bestimmt diese Lage als jenseits der Grenze, in feindlichem Gebiet gelegen. Li Ch’uan sagt, es sei „Land, in dem es keine Quellen oder Brunnen, keine Herden, kein Gemüse und kein Brennholz gibt“; Chia Lin: „eines voller Schluchten, Klüfte und Abgründe, ohne einen Weg, auf dem man vorrücken könnte“.]
In eingeschlossenen Lagen musst du zur List greifen. In einer verzweifelten Stellung musst du kämpfen.
3. Es gibt Wege, denen man nicht folgen darf,
[„Besonders solche, die durch enge Hohlwege führen“, sagt Li Ch’uan, „wo ein Hinterhalt zu befürchten ist.“]
Heere, die man nicht angreifen darf,
[Richtiger vielleicht: „Es gibt Zeiten, in denen ein Heer nicht angegriffen werden darf.“ Ch’en Hao sagt: „Wenn du einen Weg siehst, einen Vorteil über den Gegner zu erlangen, aber außerstande bist, ihm eine wirkliche Niederlage beizubringen, so sieh vom Angriff ab, um die Kräfte deiner Männer nicht zu überfordern.“]
Städte, die man nicht belagern darf,
[Vgl. III. § 4. Ts’ao Kung gibt ein aufschlussreiches Beispiel aus eigener Erfahrung. Als er in das Gebiet von Hsu-chou einfiel, ließ er die Stadt Hua-pi, die unmittelbar auf seinem Weg lag, unbeachtet und drang ins Herz des Landes vor. Diese vortreffliche Strategie wurde durch die nachfolgende Einnahme von nicht weniger als vierzehn wichtigen Bezirksstädten belohnt. Chang Yu sagt: „Keine Stadt sollte angegriffen werden, die, wenn genommen, nicht gehalten werden kann oder, wenn in Ruhe gelassen, keinen Schaden anrichten wird.“ Hsun Ying erwiderte, als man ihn drängte, Pi-yang anzugreifen: „Die Stadt ist klein und gut befestigt; selbst wenn es mir gelingt, sie einzunehmen, wird es keine große Waffentat sein; misslingt es mir aber, so mache ich mich zum Gespött.“ Im siebzehnten Jahrhundert machten Belagerungen noch einen großen Teil des Krieges aus. Es war Turenne, der die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung von Märschen, Gegenmärschen und Manövern lenkte. Er sagte: „Es ist ein großer Fehler, Männer bei der Einnahme einer Stadt zu verschwenden, wenn derselbe Aufwand an Soldaten eine Provinz gewinnen wird.“ [1] ]
Stellungen, um die man nicht kämpfen darf, Befehle des Herrschers, denen man nicht gehorchen darf.
[Dies ist ein harter Ausspruch für die Chinesen mit ihrer Ehrfurcht vor der Obrigkeit, und Wei Liao Tzŭ (von Tu Mu angeführt) sieht sich zu dem Ausruf bewogen: „Waffen sind unheilvolle Werkzeuge, Streit ist der Tugend feind, ein militärischer Befehlshaber ist die Verneinung der bürgerlichen Ordnung!“ Die unbequeme Tatsache bleibt jedoch bestehen, dass selbst kaiserliche Wünsche der militärischen Notwendigkeit untergeordnet werden müssen.]
4. Der General, der die Vorteile gründlich versteht, die mit der Abwandlung der Taktik einhergehen, weiß seine Truppen zu führen.
5. Der General, der diese nicht versteht, mag mit der Gestalt des Landes wohl vertraut sein, wird aber sein Wissen nicht praktisch nutzen können.
[Wörtlich: „den Vorteil des Bodens gewinnen“, was nicht nur bedeutet, gute Stellungen zu sichern, sondern sich natürliche Vorteile auf jede mögliche Weise zunutze zu machen. Chang Yu sagt: „Jede Art von Gelände ist durch bestimmte natürliche Merkmale gekennzeichnet und lässt zudem einer gewissen Wandelbarkeit des Plans Raum. Wie ist es möglich, diese natürlichen Merkmale zu nutzen, wenn die Ortskenntnis nicht durch Beweglichkeit des Geistes ergänzt wird?“]
6. So wird der Kriegsbeflissene, der in der Kunst, seine Pläne abzuwandeln, unerfahren ist, auch wenn er die fünf Vorteile kennt, seine Männer nicht aufs Beste einzusetzen vermögen.
[Chia Lin sagt uns, dass diese fünf naheliegende und im Allgemeinen vorteilhafte Handlungsweisen bezeichnen, nämlich: „Ist ein bestimmter Weg kurz, so muss man ihm folgen; ist ein Heer abgeschnitten, so muss man es angreifen; ist eine Stadt in bedenklichem Zustand, so muss man sie belagern; kann eine Stellung erstürmt werden, so muss man es versuchen; und wenn es mit den militärischen Unternehmungen vereinbar ist, muss man den Befehlen des Herrschers gehorchen.“ Doch gibt es Umstände, die es einem General bisweilen verbieten, diese Vorteile zu nutzen. Zum Beispiel: „Ein bestimmter Weg mag der kürzeste für ihn sein, doch wenn er weiß, dass er reich an natürlichen Hindernissen ist oder dass der Feind dort einen Hinterhalt gelegt hat, wird er diesem Weg nicht folgen. Eine feindliche Streitmacht mag einem Angriff offenstehen, doch wenn er weiß, dass sie hart bedrängt ist und wahrscheinlich mit Verzweiflung kämpfen wird, wird er davon absehen zuzuschlagen“, und so weiter.]
7. Daher werden in den Plänen des weisen Führers Erwägungen des Vorteils und des Nachteils miteinander verbunden sein.
[„Ob in vorteilhafter oder in nachteiliger Lage“, sagt Ts’ao Kung, „der entgegengesetzte Zustand sollte dir stets vor Augen stehen.“]
8. Wird unsere Erwartung eines Vorteils auf diese Weise gemäßigt, so können wir den wesentlichen Teil unserer Pläne verwirklichen.
[Tu Mu sagt: „Wollen wir dem Feind einen Vorteil abringen, so dürfen wir unseren Sinn nicht allein darauf richten, sondern müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass auch der Feind uns Schaden zufügt, und dies als Faktor in unsere Berechnungen eingehen lassen.“]
9. Sind wir andererseits inmitten von Schwierigkeiten stets bereit, einen Vorteil zu ergreifen, so können wir uns aus dem Unglück befreien.
[Tu Mu sagt: „Will ich mich aus einer gefährlichen Lage befreien, so muss ich nicht nur die Fähigkeit des Feindes erwägen, mir zu schaden, sondern auch meine eigene Fähigkeit, einen Vorteil über den Feind zu gewinnen. Sind in meinen Überlegungen diese beiden Erwägungen richtig miteinander verbunden, so wird es mir gelingen, mich zu befreien … Zum Beispiel: Bin ich vom Feind umzingelt und denke nur daran, mein Entkommen zu bewerkstelligen, so wird die Kraftlosigkeit meines Vorgehens meinen Gegner dazu reizen, mich zu verfolgen und zu zermalmen; weit besser wäre es, meine Männer zu einem kühnen Gegenangriff zu ermutigen und den so gewonnenen Vorteil zu nutzen, um mich aus den Schlingen des Feindes zu befreien.“ Siehe die Geschichte von Ts’ao Ts’ao, VII. § 35, Anmerkung.]
10. Bezwinge die feindlichen Anführer, indem du ihnen Schaden zufügst;
[Chia Lin zählt mehrere Arten auf, diesen Schaden zuzufügen, von denen manche nur dem orientalischen Geist einfallen würden: – „Locke die besten und weisesten Männer des Feindes fort, damit er ohne Ratgeber bleibt. Schleuse Verräter in sein Land ein, damit die Politik der Regierung vereitelt wird. Schüre Ränke und Betrug und säe so Zwietracht zwischen dem Herrscher und seinen Ministern. Bewirke durch jeden listigen Kunstgriff den Verfall unter seinen Männern und die Vergeudung seines Schatzes. Verdirb seine Sitten durch heimtückische Geschenke, die ihn zur Ausschweifung verleiten. Verwirre und beunruhige seinen Geist, indem du ihm schöne Frauen schenkst.“ Chang Yu (nach Wang Hsi) legt Sun Tzu hier anders aus: „Bringe den Feind in eine Lage, in der er Schaden erleiden muss, und er wird sich aus eigenem Antrieb unterwerfen.“]
und bereite ihnen Ungemach,
[Tu Mu deutet in seiner Auslegung dieser Wendung an, dass man dem Feind Ungemach bereiten soll, das seine „Besitztümer“ oder, wie wir sagen könnten, seine „Aktiva“ trifft, als welche er „ein großes Heer, einen reichen Staatsschatz, Eintracht unter den Soldaten, pünktliche Ausführung der Befehle“ ansieht. Diese geben uns die Oberhand über den Feind.]
und halte sie ständig in Atem;
[Wörtlich: „mache Diener aus ihnen“. Tu Yu sagt: „Verhindere, dass sie irgendeine Ruhe haben.“]
locke sie mit trügerischen Verheißungen und lass sie zu einem beliebigen Punkt eilen.
[Meng Shihs Anmerkung enthält ein vortreffliches Beispiel für den idiomatischen Gebrauch von: „Lass sie pien vergessen (die Gründe, anders als nach ihrem ersten Antrieb zu handeln), und lass sie in unsere Richtung eilen.“]
11. Die Kriegskunst lehrt uns, uns nicht auf die Wahrscheinlichkeit zu verlassen, dass der Feind nicht kommt, sondern auf unsere eigene Bereitschaft, ihn zu empfangen; nicht auf die Möglichkeit, dass er nicht angreift, sondern vielmehr auf die Tatsache, dass wir unsere Stellung unangreifbar gemacht haben.
12. Es gibt fünf gefährliche Fehler, die einem General anhaften können: (1) Tollkühnheit, die zum Untergang führt;
[„Tapferkeit ohne Voraussicht“, wie Ts’ao Kung es zergliedert, die einen Mann blindlings und verzweifelt kämpfen lässt wie einen rasenden Stier. Einem solchen Gegner, sagt Chang Yu, „darf man nicht mit roher Gewalt begegnen, sondern man kann ihn in einen Hinterhalt locken und erschlagen“. Vgl. Wu Tzŭ, Kap. IV, ad init.: „Bei der Beurteilung des Charakters eines Generals pflegen die Menschen ausschließlich auf seinen Mut zu achten und vergessen dabei, dass Mut nur eine unter den vielen Eigenschaften ist, die ein General besitzen sollte. Der bloß Tapfere neigt dazu, tollkühn zu kämpfen; und wer tollkühn kämpft, ohne jedes Gespür für das Zweckmäßige, ist zu verurteilen.“ Auch das Ssu-ma Fa macht die treffende Bemerkung: „Einfach in den Tod zu gehen, bringt nicht den Sieg.“]
(2) Feigheit, die zur Gefangennahme führt;
[Ts’ao Kung bestimmt das chinesische Wort, das hier mit „Feigheit“ übersetzt ist, als die Eigenschaft dessen, „den die Ängstlichkeit hindert vorzurücken, um einen Vorteil zu ergreifen“, und Wang Hsi fügt hinzu: „der beim Anblick der Gefahr rasch die Flucht ergreift“. Meng Shih gibt die genauere Umschreibung „wer darauf bedacht ist, lebend heimzukehren“, das heißt, der Mann, der niemals ein Wagnis eingeht. Doch nichts ist im Krieg zu erreichen, wie Sun Tzu wusste, wenn man nicht bereit ist, Wagnisse einzugehen. T’ai Kung sagte: „Wer einen Vorteil entgleiten lässt, wird später wirkliches Unheil über sich bringen.“ Im Jahre 404 n. Chr. verfolgte Liu Yu den Rebellen Huan Hsuan den Jangtse hinauf und lieferte ihm bei der Insel Ch’eng-hung eine Seeschlacht. Die königstreuen Truppen zählten nur wenige Tausend, während ihre Gegner in großer Stärke standen. Doch Huan Hsuan, der das Schicksal fürchtete, das ihn im Falle einer Niederlage erwartete, ließ ein leichtes Boot an der Seite seiner Kriegsdschunke festmachen, um notfalls im Augenblick entkommen zu können. Die natürliche Folge war, dass der Kampfgeist seiner Soldaten völlig erlosch, und als die Königstreuen mit Brandern von der Windseite her angriffen, alle mit größtem Eifer bestrebt, die Ersten im Gefecht zu sein, wurden Huan Hsuans Streitkräfte in die Flucht geschlagen, mussten ihren gesamten Tross verbrennen und flohen zwei Tage und Nächte lang ohne Halt. Chang Yu erzählt eine ganz ähnliche Geschichte von Chao Ying-ch’i, einem General des Staates Chin, der während einer Schlacht gegen das Heer von Ch’u im Jahre 597 v. Chr. ein Boot für sich auf dem Fluss bereithalten ließ, um im Falle einer Niederlage als Erster übersetzen zu können.]
(3) ein hitziges Temperament, das sich durch Beleidigungen reizen lässt;
[Tu Mu berichtet uns, dass Yao Hsing, als ihm im Jahre 357 n. Chr. Huang Mei, Teng Ch’iang und andere gegenüberstanden, sich hinter seinen Mauern verschanzte und den Kampf verweigerte. Teng Ch’iang sagte: „Unser Gegner ist von cholerischem Temperament und leicht zu reizen; lasst uns unablässig Ausfälle machen und seine Mauern niederreißen, dann wird er zornig werden und herauskommen. Haben wir seine Streitmacht erst einmal zur Schlacht gebracht, so ist sie dazu verurteilt, unsere Beute zu werden.“ Nach diesem Plan wurde gehandelt, Yao Hsiang kam heraus, um zu kämpfen, wurde durch die vorgetäuschte Flucht des Feindes bis nach San-yuan gelockt und schließlich angegriffen und erschlagen.]
(4) ein empfindliches Ehrgefühl, das für Schmach anfällig ist;
Dies ist nicht so zu verstehen, als sei ein Ehrgefühl bei einem General wirklich ein Mangel. Was Sun Tzu verurteilt, ist vielmehr eine übertriebene Empfindlichkeit gegenüber verleumderischen Gerüchten, der dünnhäutige Mann, den Schmähung kränkt, wie unverdient sie auch sein mag. Mei Yao-ch’en bemerkt treffend, wenn auch etwas paradox: „Wer nach Ruhm strebt, sollte sich um die öffentliche Meinung nicht kümmern.“]
(5) übermäßige Fürsorge für seine Leute, die ihn Sorge und Ungemach aussetzt.
[Auch hier meint Sun Tzu nicht, dass der General das Wohl seiner Truppen gering achten solle. Er will lediglich die Gefahr hervorheben, einen wichtigen militärischen Vorteil der augenblicklichen Bequemlichkeit seiner Leute zu opfern. Dies ist eine kurzsichtige Politik, denn auf lange Sicht werden die Truppen mehr unter der Niederlage oder bestenfalls unter der Verlängerung des Krieges leiden, die die Folge sein wird. Ein falsches Mitleid wird einen General oft dazu verleiten, eine belagerte Stadt zu entsetzen oder eine hart bedrängte Abteilung zu verstärken, entgegen seinem militärischen Instinkt. Es ist heute allgemein anerkannt, dass unsere wiederholten Versuche, Ladysmith im Südafrikanischen Krieg zu entsetzen, ebenso viele strategische Fehler waren, die ihren eigenen Zweck vereitelten. Und am Ende kam die Befreiung gerade durch den Mann, der mit dem festen Entschluss aufgebrochen war, die Belange des Ganzen nicht länger dem Gefühl zugunsten eines Teils unterzuordnen. Ein alter Soldat eines unserer Generäle, die in diesem Krieg am auffälligsten versagten, versuchte einmal, wie ich mich erinnere, ihn mir gegenüber mit der Begründung zu verteidigen, er sei stets „so gut zu seinen Leuten“ gewesen. Mit dieser Entschuldigung verurteilte er ihn, hätte er es nur gewusst, lediglich aus Sun Tzus eigenem Munde.]
13. Dies sind die fünf Hauptlaster eines Generals, verderblich für die Kriegführung.
14. Wird ein Heer geschlagen und sein Anführer getötet, so wird sich die Ursache gewiss unter diesen fünf gefährlichen Fehlern finden. Sie seien Gegenstand der Betrachtung.
[1] „Marshal Turenne“, S. 50.