[Ts’ao Kung hat die Anmerkung: „Wer kämpfen will, muss zuerst die Kosten berechnen“, was uns auf die Entdeckung vorbereitet, dass der Gegenstand des Kapitels nicht das ist, was wir nach dem Titel erwarten könnten, sondern in erster Linie eine Betrachtung der Mittel und Wege.]
1. Sun Tzu sprach: Bei den Operationen des Krieges, wo tausend schnelle Streitwagen, ebenso viele schwere Streitwagen und hunderttausend gepanzerte Soldaten im Felde stehen,
[Die „schnellen Streitwagen“ waren leicht gebaut und wurden nach Chang Yu für den Angriff verwendet; die „schweren Streitwagen“ waren schwerer und für Zwecke der Verteidigung bestimmt. Li Ch’uan sagt zwar, die Letzteren seien leicht gewesen, doch scheint dies kaum wahrscheinlich. Es ist aufschlussreich, die Ähnlichkeiten zwischen der frühen chinesischen Kriegführung und der der homerischen Griechen zu bemerken. In beiden Fällen war der Streitwagen der wichtigste Faktor, da er den Kern bildete, um den eine gewisse Anzahl von Fußsoldaten gruppiert war. Was die hier angegebenen Zahlen betrifft, so wird uns mitgeteilt, dass jeder schnelle Streitwagen von 75 Fußsoldaten und jeder schwere Streitwagen von 25 Fußsoldaten begleitet war, sodass das ganze Heer in tausend Bataillone gegliedert war, deren jedes aus zwei Streitwagen und hundert Mann bestand.]
mit genügend Vorräten, um sie tausend li weit zu tragen,
[2,78 moderne li ergeben eine Meile. Die Länge mag sich seit Sun Tzus Zeit leicht verändert haben.]
werden die Ausgaben daheim und an der Front, einschließlich der Bewirtung von Gästen, kleiner Posten wie Leim und Farbe und der Summen für Streitwagen und Rüstungen, die Gesamtsumme von tausend Unzen Silber pro Tag erreichen. Das sind die Kosten für die Aufstellung eines Heeres von 100 000 Mann.
2. Wenn du dich in wirkliche Kämpfe einlässt und der Sieg lange auf sich warten lässt, werden die Waffen der Männer stumpf und ihr Eifer gedämpft. Belagerst du eine Stadt, so wirst du deine Kraft erschöpfen.
3. Ferner: Zieht sich der Feldzug in die Länge, so werden die Mittel des Staates der Belastung nicht gewachsen sein.
4. Wenn nun deine Waffen stumpf, dein Eifer gedämpft, deine Kraft erschöpft und dein Schatz verbraucht ist, werden andere Häuptlinge auftreten, um sich deine Notlage zunutze zu machen. Dann wird kein Mann, wie weise er auch sei, die Folgen abwenden können, die daraus erwachsen müssen.
5. Wenn wir also auch von törichter Hast im Kriege gehört haben, so hat man Klugheit doch nie mit langem Zögern verbunden gesehen.
[Dieser knappe und schwierige Satz wird von keinem der Kommentatoren befriedigend erklärt. Ts’ao Kung, Li Ch’uan, Meng Shih, Tu Yu, Tu Mu und Mei Yao-ch’en haben Anmerkungen des Inhalts, dass ein General, mag er von Natur auch töricht sein, dennoch durch bloße Schnelligkeit siegen könne. Ho Shih sagt: „Hast mag töricht sein, aber jedenfalls spart sie Aufwand an Kraft und Schätzen; langwierige Operationen mögen sehr klug sein, aber sie ziehen Unheil nach sich.“ Wang Hsi umgeht die Schwierigkeit mit der Bemerkung: „Langwierige Operationen bedeuten ein alterndes Heer, verbrauchten Reichtum, eine leere Staatskasse und Not unter dem Volk; wahre Klugheit sichert gegen den Eintritt solchen Unheils.“ Chang Yu sagt: „Solange der Sieg errungen werden kann, ist törichte Hast kluger Saumseligkeit vorzuziehen.“ Nun sagt Sun Tzu überhaupt nichts, außer vielleicht mittelbar, darüber, dass unüberlegte Hast besser sei als geistreiche, aber langwierige Operationen. Was er wirklich sagt, ist etwas viel Vorsichtigeres, nämlich dass Schnelligkeit zwar zuweilen unbedacht sein mag, Langsamkeit aber niemals etwas anderes als töricht sein kann – und sei es nur, weil sie die Verarmung des Volkes bedeutet. Bei der Betrachtung der hier von Sun Tzu aufgeworfenen Frage wird einem unweigerlich das klassische Beispiel des Fabius Cunctator in den Sinn kommen. Dieser General maß bewusst die Ausdauer Roms an der des isolierten Heeres Hannibals, weil es ihm schien, dass Letzteres eher unter einem langen Feldzug in einem fremden Land leiden würde. Ob seine Taktik sich auf die Dauer als erfolgreich erwiesen hätte, ist jedoch eine durchaus strittige Frage. Ihre Umkehrung führte zwar nach Cannae; doch begründet dies nur eine negative Vermutung zu ihren Gunsten.]
6. Es gibt kein Beispiel dafür, dass ein Land aus langwieriger Kriegführung Nutzen gezogen hätte.
7. Nur wer mit den Übeln des Krieges gründlich vertraut ist, kann die nutzbringende Art, ihn zu führen, gründlich verstehen.
[Das heißt, mit Schnelligkeit. Nur wer die verheerenden Folgen eines langen Krieges kennt, kann die überragende Bedeutung der Schnelligkeit für seine Beendigung erfassen. Nur zwei Kommentatoren scheinen diese Deutung zu bevorzugen, doch fügt sie sich gut in die Logik des Zusammenhangs, wohingegen die Wiedergabe „Wer die Übel des Krieges nicht kennt, kann seine Vorteile nicht würdigen“ ausgesprochen sinnlos ist.]
8. Der geschickte Soldat hebt kein zweites Aufgebot aus, noch werden seine Nachschubwagen mehr als zweimal beladen.
[Ist der Krieg einmal erklärt, so wird er keine kostbare Zeit mit dem Warten auf Verstärkungen vergeuden, noch wird er sein Heer zurückführen, um frische Vorräte zu holen, sondern überschreitet ohne Verzug die Grenze des Feindes. Dies mag als eine kühne Politik erscheinen, die man empfehlen sollte, aber bei allen großen Strategen, von Julius Caesar bis Napoleon Bonaparte, hat der Wert der Zeit – das heißt, dem Gegner ein wenig voraus zu sein – mehr gezählt als zahlenmäßige Überlegenheit oder die feinsten Berechnungen in Bezug auf das Verpflegungswesen.]
9. Bringe das Kriegsmaterial von daheim mit, aber verpflege dich beim Feind. So wird das Heer genug Nahrung für seine Bedürfnisse haben.
[Das chinesische Wort, das hier mit „Kriegsmaterial“ übersetzt ist, bedeutet wörtlich „Dinge zum Gebrauch“ und ist im weitesten Sinne gemeint. Es umfasst den gesamten Tross eines Heeres, abgesehen von den Lebensmitteln.]
10. Die Armut der Staatskasse bewirkt, dass ein Heer durch Beiträge aus der Ferne unterhalten wird. Beiträge zum Unterhalt eines Heeres in der Ferne bewirken, dass das Volk verarmt.
[Der Anfang dieses Satzes steht nicht im rechten Gleichgewicht mit dem nächsten, obwohl dies offensichtlich beabsichtigt ist. Die Anordnung ist zudem so ungeschickt, dass ich nicht umhinkann, eine Verderbnis im Text zu vermuten. Es scheint chinesischen Kommentatoren nie in den Sinn zu kommen, dass eine Emendation für den Sinn nötig sein könnte, und so erhalten wir von ihnen hier keine Hilfe. Die chinesischen Wörter, die Sun Tzu gebrauchte, um die Ursache der Verarmung des Volkes anzugeben, beziehen sich eindeutig auf ein System, nach dem die Bauern ihre Kornabgaben unmittelbar an das Heer schickten. Aber warum sollte es ihnen zufallen, ein Heer auf diese Weise zu unterhalten, wenn nicht deshalb, weil der Staat oder die Regierung zu arm dazu ist?]
11. Andererseits bewirkt die Nähe eines Heeres, dass die Preise steigen; und hohe Preise bewirken, dass das Vermögen des Volkes aufgezehrt wird.
[Wang Hsi sagt, die hohen Preise träten ein, bevor das Heer sein eigenes Gebiet verlassen hat. Ts’ao Kung versteht es von einem Heer, das die Grenze bereits überschritten hat.]
12. Wenn ihr Vermögen aufgezehrt ist, wird die Bauernschaft von schweren Abgaben heimgesucht.
13, 14. Mit diesem Verlust an Vermögen und dieser Erschöpfung der Kräfte werden die Häuser des Volkes kahl geplündert, und drei Zehntel ihrer Einkünfte werden vergeudet;
[Tu Mu und Wang Hsi stimmen darin überein, dass dem Volk nicht 3/10, sondern 7/10 seines Einkommens abgepresst werden. Doch lässt sich dies schwerlich aus unserem Text herauslesen. Ho Shih hat einen bezeichnenden Spruch: „Da das Volk als der wesentliche Teil des Staates gilt und die Nahrung als der Himmel des Volkes, ist es da nicht recht, dass die Obrigkeit beides schätzt und sorgsam damit umgeht?“]
während die Ausgaben der Regierung für zerbrochene Streitwagen, abgetriebene Pferde, Brustpanzer und Helme, Bogen und Pfeile, Speere und Schilde, Schutzwände, Zugochsen und schwere Wagen vier Zehntel ihrer gesamten Einkünfte ausmachen werden.
15. Darum legt ein weiser General Wert darauf, sich beim Feind zu verpflegen. Eine Wagenladung der feindlichen Vorräte wiegt zwanzig eigene auf, und ebenso wiegt ein einziger Pikul seines Futters zwanzig aus dem eigenen Vorrat auf.
[Weil zwanzig Wagenladungen bei dem Vorgang verbraucht werden, eine Wagenladung an die Front zu schaffen. Ein Pikul ist eine Maßeinheit, die 133,3 Pfund (65,5 Kilogramm) entspricht.]
16. Um nun den Feind zu töten, müssen unsere Männer zum Zorn entflammt werden; damit aus dem Sieg über den Feind ein Vorteil erwachse, müssen sie ihren Lohn erhalten.
[Tu Mu sagt: „Belohnungen sind nötig, um die Soldaten den Vorteil erkennen zu lassen, den Feind zu schlagen; wenn ihr also dem Feind Beute abnehmt, muss sie zur Belohnung verwendet werden, damit alle eure Männer begierig sind zu kämpfen, jeder auf eigene Rechnung.“]
17. Darum sollen im Wagenkampf, wenn zehn oder mehr Streitwagen erbeutet worden sind, diejenigen belohnt werden, die den ersten genommen haben. Unsere eigenen Fahnen sollen an die Stelle der feindlichen gesetzt und die Streitwagen unter die unseren gemischt und zusammen mit ihnen eingesetzt werden. Die gefangenen Soldaten sollen freundlich behandelt und behalten werden.
18. Das nennt man: den besiegten Feind benutzen, um die eigene Stärke zu mehren.
19. Im Kriege also sei dein großes Ziel der Sieg, nicht langwierige Feldzüge.
[Wie Ho Shih bemerkt: „Der Krieg ist keine Sache, mit der man spielen darf.“ Sun Tzu wiederholt hier die Hauptlehre, die dieses Kapitel einschärfen soll.]
20. So mag man erkennen, dass der Führer der Heere der Schiedsrichter über das Schicksal des Volkes ist, der Mann, von dem es abhängt, ob die Nation in Frieden oder in Gefahr sein wird.