„Von Ozean zu Ozean“ – so sagen die Amerikaner; und diese vier Worte bilden die allgemeine Bezeichnung der „großen Hauptlinie“, die die ganze Breite der Vereinigten Staaten durchquert. Die Pacific-Eisenbahn gliedert sich indessen in Wirklichkeit in zwei getrennte Linien: die Central Pacific zwischen San Francisco und Ogden und die Union Pacific zwischen Ogden und Omaha. Fünf Hauptlinien verbinden Omaha mit New York.
New York und San Francisco sind auf diese Weise durch ein ununterbrochenes metallenes Band verbunden, das nicht weniger als dreitausendsiebenhundertsechsundachtzig Meilen misst. Zwischen Omaha und dem Pazifik durchquert die Bahn ein Gebiet, das noch von Indianern und wilden Tieren heimgesucht wird, sowie einen weiten Landstrich, den die Mormonen, nachdem man sie 1845 aus Illinois vertrieben hatte, zu besiedeln begannen.
Die Reise von New York nach San Francisco beanspruchte früher unter den günstigsten Bedingungen mindestens sechs Monate. Heute wird sie in sieben Tagen zurückgelegt.
Im Jahre 1862 wurde, trotz der Abgeordneten der Südstaaten, die eine südlichere Linie wünschten, beschlossen, die Bahn zwischen dem einundvierzigsten und dem zweiundvierzigsten Breitengrad zu bauen. Präsident Lincoln selbst legte den Endpunkt der Linie in Omaha in Nebraska fest. Die Arbeit wurde sogleich begonnen und mit echt amerikanischer Tatkraft vorangetrieben; auch beeinträchtigte die Schnelligkeit, mit der sie voranging, ihre gute Ausführung keineswegs. Die Bahn wuchs auf den Prärien um anderthalb Meilen am Tag. Eine Lokomotive, die auf den am Abend zuvor verlegten Schienen fuhr, brachte die Schienen heran, die am nächsten Tag verlegt werden sollten, und rückte auf ihnen vor, sobald sie an Ort und Stelle lagen.
Die Pacific-Eisenbahn wird von mehreren Zweigbahnen in Iowa, Kansas, Colorado und Oregon gespeist. Hinter Omaha führt sie am linken Ufer des Platte River entlang bis zur Einmündung seines nördlichen Arms, folgt seinem südlichen Arm, durchquert das Laramie-Gebiet und die Wahsatch-Berge, umgeht den Großen Salzsee und erreicht Salt Lake City, die Hauptstadt der Mormonen, taucht in das Tuilla-Tal ein, durchquert die Amerikanische Wüste, die Cedar- und die Humboldt-Berge und die Sierra Nevada und senkt sich über Sacramento zum Pazifik hinab – ihr Gefälle übersteigt selbst in den Rocky Mountains nie hundertzwölf Fuß auf die Meile.
Das war die Strecke, die in sieben Tagen zurückgelegt werden sollte und die Phileas Fogg – so hoffte er wenigstens – in den Stand setzen würde, am 11. in New York den Atlantikdampfer nach Liverpool zu nehmen.
Der Wagen, den er benutzte, war eine Art langer Omnibus auf acht Rädern und ohne Abteile im Innern. Er war mit zwei Sitzreihen ausgestattet, senkrecht zur Fahrtrichtung des Zuges, zu beiden Seiten eines Mittelgangs, der zu den vorderen und hinteren Plattformen führte. Diese Plattformen fanden sich im ganzen Zug, und die Reisenden konnten von einem Ende des Zuges zum anderen gehen. Er war mit Salonwagen, Balkonwagen, Restaurants und Rauchwagen versehen; nur Theaterwagen fehlten, doch die wird man eines Tages auch haben.
Buch- und Zeitungshändler, Verkäufer von Eß- und Trinkwaren und Zigarren, die viele Kunden zu haben schienen, gingen unablässig in den Gängen auf und ab.
Der Zug verließ den Bahnhof von Oakland um sechs Uhr. Es war schon Nacht, kalt und trostlos, der Himmel war von Wolken bedeckt, die Schnee zu verheißen schienen. Der Zug fuhr nicht schnell; die Aufenthalte eingerechnet, legte er nicht mehr als zwanzig Meilen in der Stunde zurück, was jedoch ausreichte, um Omaha innerhalb der festgesetzten Zeit zu erreichen.

Im Wagen wurde nur wenig gesprochen, und bald fiel vielen Reisenden der Schlaf in die Augen. Passepartout saß neben dem Detektiv, sprach aber nicht mit ihm. Nach den jüngsten Ereignissen war ihr gegenseitiges Verhältnis etwas kühl geworden; es konnte keine wechselseitige Sympathie oder Vertraulichkeit mehr zwischen ihnen geben. Fix’ Benehmen hatte sich nicht geändert; Passepartout aber war sehr zurückhaltend und bereit, seinen früheren Freund bei der geringsten Provokation zu erwürgen.
Eine Stunde nach der Abfahrt begann es zu schneien, doch war es ein feiner Schnee, der den Zug glücklicherweise nicht behindern konnte; aus den Fenstern sah man nichts als eine weite, weiße Fläche, vor der der Rauch der Lokomotive gräulich wirkte.
Um acht Uhr trat ein Schaffner in den Wagen und verkündete, es sei Zeit, zu Bett zu gehen; und in wenigen Minuten war der Wagen in einen Schlafsaal verwandelt. Die Rückenlehnen der Sitze wurden umgelegt, sorgfältig verpackte Bettgestelle wurden durch eine sinnreiche Vorrichtung ausgerollt, im Handumdrehen waren Kojen hergerichtet, und jeder Reisende hatte bald ein bequemes Bett zur Verfügung, durch dicke Vorhänge vor neugierigen Blicken geschützt. Die Laken waren sauber und die Kissen weich. Es blieb nur noch, zu Bett zu gehen und zu schlafen, was ein jeder tat – während der Zug durch den Staat Kalifornien dahinjagte.
Das Land zwischen San Francisco und Sacramento ist nicht sehr hügelig. Die Central Pacific, die Sacramento zum Ausgangspunkt nimmt, erstreckt sich ostwärts, um der Bahn von Omaha entgegenzukommen. Die Linie von San Francisco nach Sacramento verläuft in nordöstlicher Richtung am American River entlang, der in die San Pablo-Bai mündet. Die hundertzwanzig Meilen zwischen diesen Städten wurden in sechs Stunden zurückgelegt, und gegen Mitternacht fuhren die Reisenden im tiefsten Schlaf durch Sacramento; so sahen sie nichts von diesem bedeutenden Ort, dem Sitz der Staatsregierung, mit seinen schönen Kais, seinen breiten Straßen, seinen vornehmen Hotels, Plätzen und Kirchen.
Nachdem der Zug Sacramento und die Knotenpunkte Roclin, Auburn und Colfax hinter sich gelassen hatte, drang er in die Sierra Nevada ein. ’Cisco wurde um sieben Uhr morgens erreicht; und eine Stunde später wurde der Schlafsaal wieder in einen gewöhnlichen Wagen verwandelt, und die Reisenden konnten die malerischen Schönheiten der Gebirgsgegend betrachten, durch die sie dampften. Das Gleis wand sich zwischen den Pässen hindurch, näherte sich bald den Berghängen, hing bald über Abgründen, vermied schroffe Winkel durch kühne Kurven und tauchte in enge Schluchten, die keinen Ausgang zu haben schienen. Die Lokomotive, deren großer Schlot ein gespenstisches Licht ausstrahlte, mischte mit ihrer schrillen Glocke und dem vorn wie ein Sporn vorgestreckten Schienenräumer ihr Kreischen und Brüllen in das Getöse der Sturzbäche und Wasserfälle und verflocht ihren Rauch in die Zweige der riesigen Kiefern.
Brücken und Tunnel gab es auf der Strecke wenige oder gar keine. Die Bahn schmiegte sich um die Flanken der Berge und versuchte nicht, der Natur Gewalt anzutun, indem sie den kürzesten Weg von einem Punkt zum anderen nahm.
Gegen neun Uhr fuhr der Zug durch das Carson-Tal in den Staat Nevada ein, stets in nordöstlicher Richtung; und zu Mittag erreichte er Reno, wo ein Aufenthalt von zwanzig Minuten fürs Frühstück eingelegt wurde.
Von hier an verlief die Bahn am Humboldt River und folgte seinem Ufer einige Meilen weit nach Norden; dann wandte sie sich ostwärts und hielt sich am Fluss, bis sie die Humboldt-Kette erreichte, fast am äußersten östlichen Rand von Nevada.
Nach dem Frühstück nahmen Mr. Fogg und seine Gefährten ihre Plätze im Wagen wieder ein und betrachteten die abwechslungsreiche Landschaft, die sich entrollte, während sie an den weiten Prärien, den den Horizont säumenden Bergen und den Bächen mit ihren schäumenden, brausenden Wassern vorüberfuhren. Zuweilen glich eine große Büffelherde, die sich in der Ferne zusammenballte, einem beweglichen Damm. Diese unzähligen Scharen wiederkäuender Tiere bilden oft ein unüberwindliches Hindernis für den Durchgang der Züge; man hat Tausende von ihnen in dichten Reihen stundenlang über das Gleis ziehen sehen. Die Lokomotive ist dann gezwungen, anzuhalten und zu warten, bis der Weg wieder frei ist.
Dies geschah in der Tat dem Zug, in dem Mr. Fogg reiste. Gegen zwölf Uhr versperrte eine Herde von zehn- oder zwölftausend Büffeln das Gleis. Die Lokomotive verlangsamte ihre Fahrt und versuchte, sich mit ihrem Schienenräumer den Weg zu bahnen; doch die Masse der Tiere war zu groß. Die Büffel zogen in ruhigem Gang dahin und stießen von Zeit zu Zeit ohrenbetäubendes Gebrüll aus. Es hatte keinen Zweck, sie aufzuhalten, denn wenn sie einmal eine bestimmte Richtung genommen haben, kann nichts ihren Lauf mäßigen oder ändern; es ist ein Strom lebendigen Fleisches, den kein Damm einzudämmen vermöchte.

Die Reisenden betrachteten dieses merkwürdige Schauspiel von den Plattformen aus; Phileas Fogg aber, der von allen am meisten Grund zur Eile hatte, blieb auf seinem Platz und wartete philosophisch, bis es den Büffeln gefallen würde, aus dem Weg zu gehen.
Passepartout war wütend über den Aufenthalt, den sie verursachten, und hätte am liebsten sein ganzes Arsenal von Revolvern auf sie abgefeuert.
„Was für ein Land!“ rief er. „Bloßes Vieh hält die Züge auf und zieht in Prozession vorüber, ganz als ob es den Verkehr nicht behinderte! Parbleu! Ich möchte wissen, ob Mr. Fogg dieses Missgeschick in seinem Programm vorgesehen hat! Und da ist ein Lokomotivführer, der nicht wagt, die Lokomotive in diese Herde von Tieren hineinzufahren!“
Der Lokomotivführer versuchte nicht, das Hindernis zu überwinden, und er tat gut daran. Er hätte zweifellos die ersten Büffel mit dem Schienenräumer zermalmt; aber die Lokomotive, so mächtig sie auch sein mochte, wäre bald zum Stehen gebracht worden, der Zug wäre unvermeidlich entgleist und hilflos gewesen.
Das Beste war, geduldig zu warten und die verlorene Zeit durch größere Geschwindigkeit wieder einzuholen, sobald das Hindernis beseitigt war. Der Zug der Büffel dauerte volle drei Stunden, und es war Nacht, ehe das Gleis frei wurde. Die letzten Reihen der Herde zogen jetzt über die Schienen, während die ersten bereits unter dem südlichen Horizont verschwunden waren.
Es war acht Uhr, als der Zug die Engpässe der Humboldt-Kette durchfuhr, und halb zehn, als er in Utah eindrang, das Gebiet des Großen Salzsees, die eigentümliche Kolonie der Mormonen.